Samstag, 1. September 2018

Warum wir uns entspannen dürfen

Auch wenn es anders aussehen mag, so ist die Geschichte der Menschheit eine Geschichte des Fortschritts und der Entwicklung. Ein Teil der Entwicklung sind bessere Lösungen für Probleme. Wie der Philosoph Raimund Popper so treffend bemerkte: „Leben ist Probleme lösen“. Dies ist aber auch kein linearer Prozess, es geht eher wie auch sonst oft im Leben zwei Schritte vor und dann wieder einen zurück.

Generell aber ist mittlerweile den meisten Menschen klar, das Gewalt keine optimale Lösung darstellt, egal ob im privaten oder gesellschaftlichen Bereich. Das ist neu, denn noch das letzte Jahrhundert war stark vom Glauben an Gewalt geprägt. Gewalt als natürlicher Weg der Entwicklung, wie es in der Extremform im Nationalsozialismus zum grausamen Experiment führte, die Stellschraube ganz Richtung Gewalt einzustellen. Aber auch der Sozialismus war geprägt durch den Glauben an den durch revolutionäre Gewalt herbeigeführten Wandel, auch  mit dem Preis von Millionen unschuldiger Opfer.

Grundsätzlich zeigen aber alle relevanten Forschungen, dass je „ursprünglicher“ eine Kultur war, auch Gewalt mehr Teil des Alltags war. Unter Steinzeitmenschen starb jeder siebte durch Gewalt, wenn man nur die sichtbaren Knochenschäden untersucht. Je mehr die Gewalt aber monopolisiert wurde, auf den Staat übertragen wurde, um so mehr nahm die Gewalt ab.

Dieser Trend ist global. Ausnahmen bestätigen hier wie immer die Regel. Natürlich ist die Gewalt die derzeit im Jemen oder Südsudan ausgeübt wird grausam und erschreckend. Sie ist aber nur Teil einer älteren Geschichte, von der wir uns langsam aber sicher verabschieden.

Denn spätestens nach dem 2. Golfkrieg, der nach 2000 Milliarden Kosten und vielen 100.000 Toten auch 15 Jahre später für die Region kein überzeugenden Verbesserung gebracht hat, sind auch die letzten Kriegsbefürworter leise geworden. Es mag noch die absoluten Ausnahmesituationen geben, wo kriegerische Gewalt sich lohnt – alternative Optionen werden auch all denen mittlerweile attraktiver erscheinen, die sich damals über den „revolutionären“ „arabischen Frühling“ zu früh gefreut haben. Manchmal, so erscheint es, ist ein Gadaffi (oder auch Assad?) immer noch das geringere Übel, wenn man die realen Alternativen der rivalisierenden Bürgerkriegsparteien oder auch nur „Warlords“ sieht, die etwa jetzt Libyen beherrschen.

Aber: wir leben eben gerade nicht in einer Welt, die von immer mehr Gewalt bedroht wird, sondern in einer, in der die besseren Lösungen sich durchsetzen. Weil Transparenz und Aufklärung, die unveräußerlichen Menschenrechte und eine sich immer mehr differenzierende Kulturentwicklung bessere Lösungen bietet. Ein Startup ist besser geeignet, jungen Menschen die die Welt erobern wollen einen geeigneten Platz für ihre Ambitionen zu bieten als das Militär. Und Che Guevara mag weiter seinen festen Platz in der Heldenriege der bärtigen jungen Weltverbesserer neben Jesus und Marx behalten – er spielt mit seiner Idee des bewaffneten Bürgerkriegs heute nur noch in den Köpfen von Menschen eine Rolle, die fern der Segnungen der Moderne aufgewachsen sind oder ein großes Vaterthema zu bewältigen haben.

Droht aber jetzt der rechtsradikale Mob die Städte der Welt zu erobern und müssen wir befürchten, zurück in die Barbarei zu stürzen? Ich glaube, es täte uns auch hier ein gutes Stück Gelassenheit und Entspannung gut. Angst ist kein guter Lehrmeister, und die meisten der Empörungen und Warnungen erscheinen mir gutgemeint, aber sie beunruhigen doch mehr und dienen damit denjenigen, die mit der Beunruhigung angefangen haben. Und deren Methode Angst zu schüren ist.

Nein, es hat sich nicht über Nacht ein rechtextremes Weltbild ausgebreitet, so glaube ich. Viele Elemente wie etwa die Vorurteile gegenüber Fremden sind soziologische Phänomene, die es schon immer gab, und die ihre Wurzeln vermutlich in evolutionären Vorteilen haben. Es hilft eben für das Zusammengehörigkeitsgefühl, wenn man sich gegen den Nachbarort, die zugezogene Minderheit oder irgendeine andere „unnatürliche“ Menschengruppe verbindet – auch wenn die rationalen Gründe immer an den Haaren herbeigezogen sind. Aber – das ist kein neues Phänomen, spätestens seit der Aufklärung arbeiten die fortschrittlichen Akteure mit der Kraft der Rationalität hier gegen an. Mit erstaunlichen Erfolgen.

Wer war „schwul“, als ich noch zur Schule ging? War es damals vorstellbar, dass der Chef der wertvollsten Firma der Welt homosexuell ist (Tim Cook von Apple)? Der Bürgermeister von Berlin? Der deutsche Außenminister? Aufklärung funktioniert, heute halten die Mehrheit der Deutschen dies für vollkommen normal. Die Forschung zeigt, dass sich hier in 30 Jahren ein fundamentaler Wandel in der Gesellschaft vollzogen hat.

Und genau deswegen.- es gibt sie noch, die veralteten Überzeugungen. Wo die WASP, die weißen angelsächsischen  männlichen Protestanten die besseren Menschen sind, die naturgegeben auf den Rest der Welt herabschauen können. Natürlich wissen wir heute zumeist, dass dies Unsinn ist. Keine Firma von Weltruf, die nicht mittlerweile bei ihrer Talentsuche Diversity ganz oben stehen hat – einfach weil Talente normalverteilt sind und sich nicht durch Hautfarbe, Geburtsort oder sexuelle Preferenzen vorhersagen lassen.

Das überrascht auch uns heute immer noch  – weil wir natürlich noch nicht in einer Welt leben, in der Frauen, Nicht-Weiße, Nicht-Christen, Homosexuelle etc. vor Benachteiligungen oder Vorurteilen geschützt sind. Aber – langsam aber sicher verbessert sich die Welt, die Wissenschaft und die besseren Methoden verbreiten sich und überall gibt es eine Tendenz, in die gleiche Richtung zu streben. Die Richtung, die Idealisten und Aufklärer vor einigen hunderten von Jahren in ihren aus der Zukunft kommenden Erklärungen aufgezeigt haben.  Es wird nicht überall gleichzeitig und in der gleichen Geschwindigkeit voranschreiten. Die Bewusstseinsentwicklung ist auch nicht, wie es sich einige vorgestellt haben, ein revolutionärer Prozess. Es ist die langsame Kraft der Evolution, die Verbesserung in kleinen Schritten in tausenden von Seitenästen, die auf die Dauer die Entwicklung bringt.

Ist es also bedauerlich, dass wir noch nicht in der idealen Welt leben? Und es Menschen gibt, die aus ihrer individuellen Benachteiligung oder mangelnden Fähigkeiten heraus für sich eine schlechtere Option als Lösung wählen – ob es aus Unwissenheit, Unvernunft oder „bösem Willen“ sein mag? Ich glaube nein. Und ich glaube auch: Die Welt entwickelt sich in die richtige Richtung weiter, trotz eines Donald Trump oder Demonstrationen von Rechtsradikalen.

Am Ende glaube ich vor allem an die individuelle psychologische Perspektive. Neueste Studien zeigen, dass sich bei den Attentätern der letzten Jahre praktisch immer ein individuelle Traumatisierung aufzeigen lässt, die zu so starker Beschädigung der Psyche geführt hat, die lange vor der intellektuellen Radikalisierung eine übertriebene Gewaltneigung zur Folge hatte. Die Ideologie war dann das Ventil, das der Gewalt auf einmal eine Erlaubnis gab – eine gefährliche Kombination. Aber was wir brauchen ist weniger Traumatisierung. Das auch dies eine große Aufgabe ist, zeigen nicht nur die „Spitze des Eisbergs“ der in so vielen katholischen Jugendorganisationen jetzt thematisierten Missbrauchsthematik, sondern vermutlich eine immer noch hohe Rate an verdeckter Gewalt dort, wo sie immer am häufigsten war: daheim.

Daheim und in der Schule war Gewalt alltäglich. Unsere Kinder sind die erste Generation vermutlich seit es Menschen gibt, in der das uralte Ritual der Gewalt-Hackordnung auf der Straße oder dem Schulhof nicht mehr die Regel ist. Wo daheim nicht mehr geschlagen wird, und in der Schule mit Gewalt Ordnung durchgesetzt wird. Wir wissen heute, dass dies Kinderseelen Schaden zufügt. Und diese Traumas lebenslang ihre Folgen zeigen.

Und keiner meiner Jungs hat mir je von einem Kampf auf dem Schulhof erzählt – als ich damals 1977 von Peru nach Deutschland kam, war eine der ersten Erfahrungen von mir dieses uralte klassische Ritual – ich im Ringkampf auf dem Schulhof, wie hätte es einem zugezogenen aus dem „Busch“ auch anders ergehen sollen…

Gewalt nimmt ab, weil sie eine ineffiziente Lösung darstellt. Aber wo sich die körperliche Gewalt auf dem Rückzug befindet ist damit noch nicht ihre Schwester, die verbale Gewalt verschwunden. Es gibt ein wunderbares Training von Marshall Rosenberg über „Gewaltfreie Kommunikation“. Wer ihm zuhört wird klar, dass unsere Sprache noch aus der langen Tradition der Kriege geprägt ist und es zum üblichen Repertoire gehört zu verletzen, wenn wir nur glauben ganz normale Aussagen zu treffen. Jeder Streit zwischen Partnern besteht zu großem Teil aus genau diesen Fehlern – anstatt von den eigenen Gefühlen zu reden dem anderen Dinge zu unterstellen,. Wir haben es so gelernt, immer noch. Und leider sprechen wir dann auch mit uns so.

Würden wir uns einmal in den inneren Dialoge eines Rechtsextremen hineinschalten können, würden wir sehr viele vernichtende Urteile hören – die dieser über sich selbst ausspricht. In dieser Sprache spricht er dann auch nach außen.

Aber auch da: Es gibt eine unglaubliche Entwicklung die die Menschheit hier in den letzten Jahrzehnten zurückgelegt hat. Wir sind dabei, auch mit uns liebevoller umzugehen. Weil wir es können. Weil die Welt leichter geworden ist, und wir deshalb von dieser unerhörten Leichtigkeit etwas weitergeben können. An die Menschen um uns und an unsere Kinder.

Aber – und da liegt, so glaube ich immer noch ein großes Problem: Auch wenn wir freundlicher, gewaltärmer geworden sind, so sind wir nicht weniger anfällig für Ängste geworden. Ängste sind evolutionär von Vorteil, weil sie uns vor Gefahren schützen. Aber, wie wir auch durch Nobelpreisträger wie den Wirtschaftspsychologen Daniel Kahneman wissen: Menschen überschätzen Risiken und unterschätzen Chancen. Dies macht sie manipulierbar und dadurch werden viele Chancen nicht genutzt.

Und weil schlechte Nachrichten eine höhere „Klebrigkeit“ haben als gute Nachrichten – je schrecklicher oder bedrohlicher umso eindrücklicher bleiben sie haften – so erleben wir im Alltag eine einzige Abfolge von schlechten Nachrichten als Tagesschau, Tageszeitung oder Web-News-Feed. Und glauben am Ende tatsächlich daran, die Welt würde immer gefährlicher, gewalttätiger und wir sollten mehr und nicht weniger Angst haben. Dabei, so glaube ich wäre der wichtigste Schritt uns immer erst einmal aus dem allgemeinen „Alarmismus“ der Moderne zu distanzieren und uns zu entspannen. Und in Ruhe, mit einem guten Gefühl und dem nötigen Abstand zu schauen was wirklich dringend, wichtig und vorrangig ist. Und wohin sich die Welt entwickelt und was wir dafür tun können, damit es jeden Tag noch einen Schritt weiter in die richtige Richtung geht. Im Kleinen wie im Großen. Mit den richtigen Gedanken und Taten. Und immer schön entspannt.

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