Leben ist Bewegung

Samstag, 4. August, 2018, 19.52, eine Kleingartenanlage im Norden Berlins.

Mit einem Jahr Abstand sieht man viele Dinge in einem neuen Licht. Der über viele Jahre bearbeitete, häufig besuchte und dann etwas in Vergessenheit geratene Kleingarten mit der Laube darauf hat wieder einen ganz besonderen Reiz.

Ok, es war eine von meinen schwungvollen Ideen, hier mit den Kindern und den Fahrrädern die 10 km durch Prenzlauer Berg und Pankow zu fahren. Bis dann alle drei Fahrräder aufgepumpt, die Sättel neu eingestellt und der Fahrradanhänger mit Tara und Morpheus beladen waren und wir aufbrechen konnten, bei Gefühlt 35 Grad im Schatten dauerte es ein wenig.

Als dann aber schließlich alle vergnügt mit Sack und Pack die sommerlichen Straßen und Wege ins Grüne rollten, kam bei mir richtig Freude auf.

Fahrradfahrer nimmt schließlich in meiner Lebensphilosophie einen zentralen Baustein ein. Gerne würde ich hierfür auch bei meinen Kindern die Leidenschaft wecken. Mit Stop beim Aldi fürs Eis auf halber Strecke an der großen Fußgängerbrücke über die Bahngleise haben es alle gut gemeistert – natürlich mit den üblichen kleinen und größeren Herausforderungen und Trainingssituationen zum Ruhe bewahren.

Es hat mich schon seit klein auf begeistert, wie hier der Mensch die Evolution überboten hat. Kein Lebewesen schafft es sich mit weniger Energieaufwand pro Kg fortzubewegen als der Mensch auf dem Fahrrad. Es ist die Technik die es möglich macht.

Seit der genialen Idee eines Deutschen vor 200 Jahren ein Laufrad aus Holz zu bauen- weiter entwickelt wurde es immer leichter zu fahren. Übrigens auch damals aus einer Klimakatastrophe entstanden: durch einen Vulkanausbruch in Indonesien kam es zur globalen Verdunklung der Erde, die Temperatur sanken und der Sommer und die Ernten fielen aus. Da es nicht einmal mehr genug Futter für Pferde gab, überlegte sich einer wie der Mensch selbst so schnell wie ein Pferd sein kann. Und das erste Laufrad entstand. Der Rest ist Fortschritt und Geschichte.

Aber das Fahrrad fasziniert mich auch als eine Maschine, die man als Jugendlicher noch selbst verstehen und beherrschen kann. Als ich schließlich mein erstes Fahrrad vollständig aus einem Hercules- Sperrmüll- Rad und weiteren Ersatzteilen selbst neu zusammengebastelt hatte kannte ich jede Schraube. Selbst die 3-Gang Nabe von Fichtel und Sachs hatte ich bis zur letzten Feder zerlegt und wieder zusammengesetzt.

Mit dieser Technik also kann der Mensch mit eigener Kraft sich bewegen. Gepäck transportieren, reisen. Mit Kosten von vielleicht 5 Euro pro Monat. Und schließlich wurde, als der Walkman erfunden war mit Musik im Ohr die Welt mit Gefühl „erfahrbar“.

Und da es Sport ist, erzeugt es eine Verbindung mit dem Körper, mit den Gegensätzen der Anstrengung beim Bergauf fahren und der Freude wenn es herab rollt. Es sind Gefühle, man spürt den Körper.

Da ich erst mit 30 den Führerschein gemacht habe war davor alles mit dem Fahrrad oder der Eisenbahn zu machen mein Credo. Und ich habe viele intensive Erfahrungen der Jugend und Studentenzeit mit dem Fahrrad erlebt oder auch beim Radfahrern verarbeitet.

Ja, und so ganz nebenbei löst es noch ein paar weitere Grundprobleme der Moderne, so habe ich dabei immer gedacht: In einer Welt, wo wir uns zu wenig bewegen, zu viel sitzen, zu wenig unsere aufgestauten Energien ausarbeiten können, zu viel im „Kopf“ uns aufhalten und den Körper vergessen ist das Fahrrad ein ideales tägliches Training – praktisch umsonst und in den ganz normalen Alltag zu integrieren.

Ein Großteil unserer täglichen Wegstrecken sind unter 10 Km. Statt mehr zu arbeiten um das für Auto für den Weg zur Arbeit zu bezahlen und dann abends mit dem Auto zum Fitnessstudio fahren zu können, wo man dann auf dem Fahrradtrainer Fernsehen kann, könnte man doch einfach – mit dem Fahrrad fahren.

Und- mittlerweile ist klar und die Wissenschaftler sind sich einig: täglicher Sport verlängert nicht nur das Leben und beugt vielen Leiden vor, es schütz auch vor Depression und wirkt stimmungsaufhellend.

Und dann ist da ja noch die Umwelt…

Es ist also billiger, gesünder, effizienter und umweltfreundlicher. Und macht Spaß.

Da habe ich auch die Idee her: „Effizient ist Schönheit“. Es gibt bessere Lösungen. Diese können eine innere Eleganz haben, die ausstrahlt.

Und ich glaube auch daran: wenn wir die gesammelte Effizienz von Millionen von Jahren Evolution in uns tragen, dann sind wir auch auf das Laufen trainiert. Aufs Rennen, springen, fangen, tragen.

Wir sollten uns über jede Gelegenheit freuen uns körperlich bewegen, anstrengen, verausgaben zu können. Die Natur ist effizient. Ich rätsle immer noch jeden Morgen warum 95% der Menschen die Rolltreppe am Bahnhof nehmen, den Aufzug im Büro oder das Förderband am Flughafen. Sie sind langsamer als ich zu Fuß. Und nutzen die Chance nicht, sich zu bewegen.

Aber auch noch eine andere Form der Bewegung scheint mir eine ganz wesentliche Bedeutung für uns Menschen zu haben. Es ist der Tanz.

Ich muss zugeben, ich habe dazu ein etwas zwiespältiges Verhältnis. Das, was ich als „Tanzkurs“ mit 16 gemacht habe fand ich furchtbar. Nach Vorschrift Bewegungen auswendig lernen, nein, nichts für mich. Und – ich war darin miserabel.

Aber dann kamen die ersten Abende in der Disko. Mit dem gefälschten Schülerausweis, damit ich als 16jähriger mit dabei sein durfte, wo Einlass ab 18 war. Das war eine ganz neue Welt. Dazu Bier. Und Nachts mit dem Fahrrad gerade irgendwie wieder nach Hause geschafft.

Mein Eltern vertrauten mir und es gab keine Verbote oder Sperrstunden, und so war die Party bei einem Schulfreund aus einer höheren Klasse bald der gefühlte Höhepunkt des Jahres.

Und dann, in Ost-Berlin Anfang der 90er Jahre angekommen gab es dann diese ganz neue Erfahrung. Da spielte man Musik, die wie aus dem Weltraum oder der Zukunft klang. In unterirdischen Katakomben im Niemandsland des Mauerstreifens. Da gab es Happenings, bei denen eine MiG der Russen in Flammen aufging, unter martialischem und elektronischen Klängen. Es war Techno, was ich da hörte. Und für mich war es klar: das ist der Klang meiner Zeit. Was Rockmusik in den 60er Jahren war, das war für mich Techno. Nicht nur Musik, ein Lebensgefühl. Unbeschreiblich und unglaublich intensiv.

In den Nächten im Stroboskop des E-Werks und so vieler anderer wunderbarer und wieder vergessener Orte und Rauminstallationen wurde etwas zelebriert, was mit der Vergangenheit nichts mehr zu tun hatte.

Und da kam auch meine Begeisterung her: es ist diese Musik, die aus der Zukunft zu kommen scheint, mit ihren düsteren, euphorischen und einpeitschenden rhythmischen Tönen, die mir in so mancher bis zur völligen Erschöpfung und Ekstase durchgetanzten Nacht klarmachte, dass der Tanz eine Verbindung herstellt.

In der Dunkelheit, Nebel und Blitzgewittern, Laserstrahl und den ohrenbetäubenden Bass, der den ganzen Körper durchdringt war mein Platz ganz vorne, wo es am lautesten war. Give yourself over. Übergebe dich einer größeren Macht. Und zwischen Anstrengung, Euphorie und dem unbedingten Willen alles, aber auch alles zu geben, ganz, vollständig in jedes Gefühl zu gehen habe ich mich verändert, befreit.

Habe durchgearbeitet und durchgestanden, den ganzen Film im Kopf den wir alle kennen. Wie soll es werden, wie werde ich es schaffen, wo ist mein Platz, warum muss ich das alles machen, was ist die Lösung?

Und irgendwann, irgendwie war immer die Einsicht da, das Gefühl erreicht wo ich fühlte, wusste, es im Körper spürte: es wird alles werden. Es ist schon alles gut.

Ich brauche nicht das Leben eines anderen zu führen, ich werde das machen was ich will. Ich werde mich trauen, ich selbst zu sein. Ich werde nicht mein ganzes Leben mich fühlen als müsste ich eine Schuld abarbeiten.

War es ein Rennen, ein Kämpfen? Ein großer Teil der Kraft von Techno liegt in diesem heftigen, treibenden Bass und in diesem kämpferischen Ton: wir sind die Kinder dieser Industrie-Großstädte, das ist unsere Welt und wir werden sie uns erobern.

„We’re not dropping our here, we are infiltrating and taking over“- so hieß in einem Stück ein Slogan – genau das war auch mein Gefühl.

Und die Zukunft die ich dort spürte ist noch viel heftiger, moderner und futuristischer als wir es uns vorstellen können.

Aber: und das ist entscheidend: sie ist positiv, optimistisch. Es gibt die, die sie meistern werden. Die, die in den Ruinen der Vergangenheit tanzen und wissen, es gibt einen Weg. Statt „No Future“ der 80er war sie jetzt da, die neue Zeit im Aufbruch. Bald auch immer mehr draußen, in stillgelegten Tagebaugruben, in Hangars russischer Flugplätze die jetzt verwaist waren. Wie auch immer die Zukunft aussehen mag: es gibt sie.

Und dann, nach der dunklen Nacht gab es die Sonnenaufgangsmusik- sphärische Klänge, wunderbare Klangteppiche voller Erlösung für alle die, welche die Nacht gemeinsam durchgetanzt haben. Beglückende Momente der Gemeinsamkeit und Auflösung in Musik, Gefühl und Freude.

Ich habe alle wesentlichen Entscheidungen in meinem Leben dort getroffen – in diesem Raum des Tanzes und der Musik, seit ich ihn kennengelernt habe. Es gibt den Moment, in dem es klar wird, wohin die Reise geht. Dann muss man es nur noch machen. So habe ich es erfahren.

Und auch hier wieder: Rhythmus, Bewegung, Musik. Ist es ein Wunder, dass Kinder schon tanzen können, bevor sie sprechen lernen? Dass in jeder Kultur es Tänze gibt, aus den unterschiedlichsten Motiven?

Um sich mit dem größeren Ganzen zu verbinden oder auch um die Begegnung zu ermöglichen, die unser Ursprung ist, die Begegnung von zwei Wesen die sich kennenlernen, ein Spiel spielen bevor sie möglicherweise ihre Gene austauschen. Wenn die Anziehungskraft so stark wird, wir neues Leben erzeugen können, indem sich die zwei Stränge der Desoxiribonukleinsäuren, unsere DNA in einer kunstvollen Doppelhelix umeinander winden – in einer einmaligen, noch nie dagewesenen Kombination beider Partner.

„Creation is a dance“

Und so führte mich die Bewegung der Rückkehr zurück nach Deutschland, gleich wieder im Chaos der Wohnung zwei Tage an den Laptop um bis zur Deadline meinen Arbeitsanteil fertig zu stellen und dann direkt loszufahren- den 40 Jahre alten Wohnwagen nach einem Jahr unter Bäumen mit Hilfe eines Freundes wieder anzuhängen und gegen Mitternacht in Polen wieder auf dem kleinen feinen Festival zu landen, dessen Bändchen ich ein Jahr am linken Arm um die Welt getragen habe. Darauf steht: Alles ist gut.

Und es war gut, sehr gut sogar. Ein freudiges Wiedersehen von vielen lieben Menschen, herrliches Wetter und kühle Augenblicke im See. Und natürlich die Nacht vorne, links an den Boxen.

Wir haben uns die freie Zeit geteilt: ich die ersten beiden Nächte, Nadine die zweiten. Und so war ich heute um 14.00 wieder in Berlin, übernahm die Kinder, und Nadine fuhr wieder los. Und ich brach direkt mit den Kindern in den Garten auf. Auch da noch mal viel Bewegung, zu fünft auf dem Trampolin: Kinder brauchen nicht darüber nachdenken, dass Bewegung Lebensfreude ist. Jetzt schlafen alle im Gartenhäuschen und ich gleich auch. (23.52)

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