Samstag, 14. Juli 2018, 16.18 Uhr

Alles ist verbunden

Ich bin ja schon immer davon überzeugt gewesen – alles hängt mit allem zusammen und man kann, wenn man die Welt mit Neugierde und Begeisterung betrachtet, überall etwas lernen. Und das dann oft ganz wo anders anwenden. Manchmal funktioniert das sogar erstaunlich gut.

Für Steve Jobs, dem Schulabbrecher, war etwa der chinesische Kalligraphie-Kurs, den er an der Uni mithörte ohne eingeschrieben zu sein eine der wichtigsten Erfahrungen. Er lernte dort, wie groß die Bedeutung von Schönheit und Genauigkeit in einer Kultur sein kann. Später, beim Apple achtete er deshalb genauestens auf das optische Erscheinungsbild von Gerät, Schrift, Symbolen etc. – und revolutionierte damit den Markt der „grauen Kästen“.

Ich nenne diese Art zu lernen „latentes Lernen“, „beiläufiges Lernen“, weil sie nicht zielgerichtet ist. Und ich glaube, dass sie den größten Teil des Lernens ausmacht. Bei mir jedenfalls ist es eigentlich immer genau so: Kaum „muss“ ich etwas lernen, habe ich dazu keine Lust mehr, und es fällt mir schwer es mir zu merken. Finde ich dagegen etwas beiläufig, in einem interessanten Artikel, Vortrag oder schnappe es irgendwo auf, dann kann ich mich dafür sehr begeistern, vor allem wenn ich damit eine Verbindung, eine Assoziation herstellen kann.

Das Ergebnis ist am Anfang nicht absehbar. Es kann aber erstaunliche Folgen haben.

Bei mir sah es so aus: Mir fiel es sehr schwer, mich für ein Fach hinzusetzen und Dinge auswendig zu lernen. Oder überhaupt eine Entscheidung zu treffen, was ich lernen oder einmal werden sollte. Mir war dagegen immer klar, dass ich gerne gelesen habe (aber nur, wenn es freiwillig war!), und dass ich gerne gereist bin (aber nur, wenn es keinen Zweck, kein Ziel verfolgte).

Das führte dann dazu, dass meine Hauptmotivation mich anzustrengen darin bestand, die nächste Reise machen zu können. Und dafür wiederum musste ich die Schule, die Prüfungen an der Uni hinbekommen und nebenher noch Geld verdienen. Und um noch keine Entscheidung treffen zu müssen, was ich einmal machen sollte, begann ich nach der Schule erst einmal zu reisen.

Und dann Zivildienst zu machen, denn ich wollte nicht zur Bundeswehr, das war mir klar. Danach wusste ich dann, dass ich studieren wollte. Denn nach Arbeit in der Fabrik (um das Geld für die erste Reise zu verdienen) und beim Zivildienst im Pflegedienst im Krankenhaus und in der Betreuung von Schwerstbehinderten war mir klar – das geht auf Dauer gar nicht. Also auf jeden Fall studieren.

Da erschien Medizin geeignet, es dauert ewig und Reisen und Medizin passt gut zusammen, so dachte ich mir. Was ich damit einmal machen wollte blieb mir selbst ein Rätsel, das ich gut verdrängte.

Vor allem motivierte das Reisen mich weiterzumachen, denn so schien es mir, mit nichts bekommt man mehr Anerkennung denn als Medizinstudent auf Reisen.

Überall war man willkommen, und so wurden es lange Reisen – ein halbes Jahr auf dem Landweg durch Afrika, ein halbes Jahr auf dem Landweg nach Indien, ein halbes Jahr durch Mittel- und Südamerika. Und mein Studium dauerte ewig, fast 10 Jahre.

Dort, unterwegs, gab es wenig zu lesen. Und ich war immer heilfroh, wenn es eine Zeitschrift gab, auch auf Englisch, die interessant erschien. Ganz vorne der Economist, eine englische Wochenzeitschrift mit dem Schwerpunkt Wirtschaft und Artikeln über alle Länder der Welt. Und so begann ich, ohne jede Absicht, etwas über Wirtschaft zu lesen, auf Englisch, ich hatte ja nichts anderes.

Später dann, ich arbeitete schon im Krankenhaus in der Unfallchirurgie, (ich nannte es mein „Arbeitspraktikum im Lebensstudium“), da wusste aber immer noch dass ich keinesfalls dort enden wollte, als ich eine Anzeige einer Unternehmensberatung im Ärzteblatt las. An Ärzte gerichtet, mit einem Zitat so ungefähr wie: „Um neue Kontinente zu entdecken, muss man bereit sein die Sicht auf das Ufer zu verlassen“, und einer Statue, die im Wasser versank.

Das leuchtete mir ein. Bald hatte ich im Krankenhaus gekündigt, einen Job als Kleinlasterfahrer (zum Geldverdienen und frei sein) und nach ein paar Monaten bewarb mich für einen Job in der Wirtschaft, bei einer der großen Unternehmensberatungen. Die Bewerbungsgespräche und Trainings waren ungewöhnlich, und ich war etwa mit der Aufgabe konfrontiert innerhalb von 2 Stunden eine Präsentation zu basteln, wie ich denn potentiellen Geldgeber für meinen Online-Shop für Weiße Ware (Waschmaschinen etc.) überzeugen wollte. Mir machte das ganze Spaß, und ich bekam ein Jobangebot.

Kurzum, ich stellte tatsächlich fest, dass man da draußen in der Wirtschaft überleben kann ohne dass man nur eine einzige Vorlesung BWL besucht hat. Meine Methode: ich überlege mir selbst, was mir dazu einfällt, und nutze mein über die Jahre gut trainiertes assoziatives Denken. Bin neugierig, bereite mich gut durch Internet-Recherchen vor und fokussiere mich auf das Wesentliche. Auf meine Aufmerksamkeit und Reflexe, die ich auf Reisen trainiert habe. Auf meine Fähigkeit, mich empathisch auf ein Gegenüber einzustellen und neugierig zu sein. Den diagnostischen Spürsinn, den man sich auch als Arzt angeeignet hat. Und ein bisschen Schauspielern braucht man im Krankenhaus genauso wie beim Auftritt beim Kunden.

Jetzt, fast 20 Jahre später weiß ich, es funktioniert. Ich habe nie wieder darüber nachgedacht im Krankenhaus zu arbeiten. Ich mache immer noch Projekte, und bei jedem Projekt ist es wieder eine ganz neue Welt, mit der ich mich beschäftige. Manche gehen nur Wochen, manche Jahre. Und sie erfordern viel Einsatz, oft sehr viel, viel Reisen. Aber dann gibt es auch Zeiten ohne Projekt. Mit viel Zeit.

Ich mache viele Pausen, war für jedes unserer vier Kinder ein Jahr in Elternzeit und immer wieder viel auf Reisen, aber natürlich, seit Lysander in der Schule ist nur noch kurz. Und ich bleibe neugierig, wie es weiter funktioniert. Auf eine Art bin ich selbst am meisten überrascht, dass es geht. Ich hatte nie gelesen oder gehört dass man so leben kann.

Es erschien mir eher als der Test von einem Traum von mir, von einer meinen Hypothesen – es muss doch möglich sein, es so zu machen wie es mir gefällt. Und dauerhaft, jahrelang immer täglich das Gleiche zu machen wollte ich nie. Dagegen kann ich mich wunderbar für eine Sache für eine Weile voll begeistern und alles geben. Wenn ich dann wieder ein paar Monate oder ein Jahr Zeit habe meiner Neugierde zu folgen.

Alles ist mit allem verbunden, und man kann überall nach Ähnlichkeiten oder Übertragbarkeit suchen. So bin ich in Vielem eher auf der Suche nach Innen, um dort zu entdecken.

Habe viele Workshops und Seminare besucht, aber selten welche über Wirtschaft oder Medizin, das langweilt mich meist sofort. Weil es nicht um mich geht.

Dafür habe ich viel Zeit in Selbsterfahrungskursen, auf Techno-Parties, in Ashrams und Meditationsgruppen verbracht. Um mehr über mich selbst zu erfahren. Das Interessante dabei aber ist: Versteht man sich selbst mehr, versteht man auch die anderen mehr. Und das ist fast das Wichtigste, wenn man mit Menschen erfolgreich zusammenleben oder zusammenarbeiten will.

Und eigentlich müssen auch alle Firmen am Ende genau das tun: den Menschen, den Mitarbeiter, vor allem den Kunden verstehen. Dann werden sie Erfolg haben.

Und es gibt für jedes Problem, jede Herausforderung neben dem üblichen Weg mindestens noch eine andere Lösung. Und zumeist lassen sich die so kompliziert erscheinenden Zusammenhänge doch auf wenige wichtige Faktoren reduzieren. Die dann immer wieder ähnlich sind.

Ich las gerade eine Studie, publiziert von Rich Lesser, dem Chef von BCG über die Erfolgsgeheimnisse der erfolgreichsten CEOs:

„An Algorithm for a Successful 21st Century CEO“. Erfolg wird hier gemessen an der wirtschaftlichen Stärke der Firma, dem Aktienkurs und derem langfristigen „Erbe“, dem nachhaltigen Einfluss auf die Firma.

Erfolgreich sind vor allem die Chefs, die auf ein biologisches, systemisches Denken setzen, und am häufigsten die Worte Team, offen, System, Partner, Fähigkeiten, Lernen und Versuchen verwenden. Sie wissen, dass die Welt unsicher und komplex ist, und reagieren flexibel.

Die weniger erfolgreichen Chefs dagegen setzen auf das mechanistische Denken, mit den Worten: Prozess, Zukunft, Plan, und Stärke im Mittelpunkt ihrer Kommunikation.

Die erfolgreichen Firmenchefs gehen die großen Herausforderungen an und orientieren sich an den Mega-Trends dieser Welt, kommunizieren aber offen was dies für die Firma bedeutet und warum hier zu handeln wichtig ist. Dabei fordern sie sich selbst und die Mitarbeiter aus ihrer Komfortzone herauszukommen, überfordern sie zugleich aber nicht. Aber es ist ihnen auch klar: Wenn nie jemand gestresst ist, dann sind sie nicht weit genug gesprungen.

Sie machen alle ein bis zwei Jahre eine größere Investition, und sie nehmen sich drei bis vier strategische Schritte im Jahr vor. Dabei achten sie darauf, gut vorbereitet zu sein, erkennen den günstigen Zeitpunkt zum Handeln und gehen kontrolliert überschaubarer Risiken ein, aus denen sie lernen können.

Und es ist klar: sie verfolgen mehrere Pläne gleichzeitig, ohne vorab wissen zu können was Erfolg haben wird und was nicht. Anstatt auf Jahre voraus jeden Schritt zu planen, sind sie flexibel und anpassungsfähig. Und sie wissen, dass Erfolg vor allem darauf beruht, im Team arbeiten und wachsen zu können.

Und ich denke mir dabei: Irgendwie passt es, dass ich Chefs berate. Was hier der Chef von BCG schreibt, jene Firma die damals vor 18 Jahren das Experiment wagte mich einzustellen und für vier Jahre zu behalten, kommt mir sehr bekannt vor. Viele Elemente davon entsprechen dem, was ich erst allein, dann gemeinsam mit der Familie teste – wie diese Weltreise, die bald endet. Und in zwei Wochen beginnt die interessante Herausforderung der Rückkehr.

Heute sind wir die letzte Nacht in Cochabamba. Es hat allen sehr gut getan hier zu sein, Bolivien und Cochabamba ist freundlich und macht einen guten Eindruck. Wir haben uns hier in diesem schönen kleinen Hotel, in dem man problemlos einen Roman schreiben könnte oder einen Film drehen alle gut erholt.

Wir waren vor der Tür im schönen kleinen Museum „Alcide d´Orbigny“, zu Ehren eines französischen Naturforschers, der 1826 zu einer siebenjährigen Forschungsreise nach Südamerika aufbrach. Ähnlich wie Alexander von Humboldt betrachtete er dabei die Natur als ein Ganzes, und unterstützte ein kosmopolitische Wissenschaft, die alles miteinander verband. In Bolivien, so schrieb d´Orbigny, findet man alle Klimazonen der Welt in einem Land vereint und damit die größte Vielfalt an Tieren und Pflanzen.

Velis fand es gemein, dass dort nur tote Tiere ausgestellt waren, aber alle Kinder waren beeindruckt von Käfer und Spinnen, Pumas und Kaimanen, Kondoren und Schlangen.

Und wir machten einen Ausflug mit der Gondelbahn hinauf zur großen Christustatue. Schließlich ist Bolivien das Land der Stadt-Gondelbahnen. In La Paz sind es mittlerweile 7 Bahnen, die als Kleinkabinenbahnen die bergige Stadt verbinden. Mehr sind geplant. Die hier in Cochabamba war eher einer der alten Sorte, wir warteten 2 Stunden bis es soweit war – ein Feierabendausflug für Bolivianer. Herunter ging es zu Fuß, bis alle Muskelkater in den Waden hatten.

Morgen gib es noch das Endspiel der WM zu sehen, dann fliegen wir nach Uyuni, zu den Salzseen. Jetzt ist alles durchgeplant, das erste Mal auf der Reise – denn die Zeit wird knapp.

Velis lernt den 4er-Zauberwürfel, Lysander schreibt sein Reisetagebuch fertig, Tara hat noch eine warme Jacke bekommen. Morpheus will daheim Karate lernen. Alle freuen sich riesig auf das Essen daheim und die Wohnung, die Freunde und alles was wir so lange nicht gehabt haben.

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