„our travel space“ – wie geht es weiter?

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Mittwoch, 11. Juli 2018, 14.54, Hotel Aranjuez, Cochabamba, Bolivien

„our travel space“ – wie geht es weiter?

Mich hat schon immer die große Perspektive fasziniert. Denn es ist klar: Wir sind hier gemeinsam auf einem Planeten unterwegs, auf einer Reise durch das Weltall (englisch: space travel). Die Erde ist unser Spielraum (englisch: travel space), den Raum, den wir bereisen können. Und dann gibt es einen weiteren Raum, in uns. Es ist der Raum der Phantasie oder des Vorstellungsvermögens. Auch ihn können wir bereisen.

Es ist auch klar: Wir haben einen begrenzten Zeitraum auf diesem Planeten. Woher wir kommen, wohin wir gehen, können wir nicht mit Gewissheit sagen. Wir wissen als Individuen, dass wir geboren werden und sterben werden. Auch dieser Planet Erde hat, nach dem was wir wissen, einen Anfang, wie auch das Universum. Und wohl auch ein Ende. Was davor und danach kommt können wir nicht sagen.

Und dann gibt es Regel für diesen Spielraum. Wir lernen sie immer besser kennen. Die ersten Anleitungen haben viel Wert geschaffen, aber sie sind natürlich mit der Zeit veraltet. Weisheiten, die Religionsgründer und „weise“ Männer und Frauen über die Jahrtausende verkündet haben enthalten interessante Informationen. Aber auch viele Beschränkungen und Behauptungen, deren Wert heute fragwürdig erscheint.

Also liegt es an uns herauszubekommen, was hier möglich ist und richtig ist, sowohl im Handeln da draußen als auch beim Blick nach innen. Hier ist das verfügbare Wissen zwar reichhaltig, aber zugleich auch erstaunlich begrenzt. Und es erscheint oft, als ständen wir erst ganz am Anfang.

Nehmen wir die Geschichte. Ok, wir können eine Menge über große Reiche und erstaunliche Herrscher lernen. Aber vor allem viele Varianten, wie wir es nicht machen sollten. Denn war nicht Geschichte bis vor kurzem meist nur die Anwendung und Durchsetzung von Macht mit Gewalt?

Dann gibt es viele große Denker, die bestimmte Modelle der Welt verkündet haben. Aber sehr oft sind sie eben genau das – Gedanken von Menschen, bei denen Behauptungen als Wahrheiten verkündet werden. Manche kann man lange studieren – aber es fehlt der eigentliche Beweis. Einige halten sich sehr lange, weil sie so gut klingen. Der größte Teil unseres „Alltagswissens“ besteht noch daraus.

Hier kommt die Naturwissenschaft ins Spiel. Sie stellt Hypothesen auf, die getestet werden können. Meist kann man sie nur falsifizieren, also zeigen dass sie nicht stimmen. Was dann übrig bleibt ist vermutlich richtig – als Arbeitshypothese.

In der Innenwelt, der Reich der Phantasie, aber auch der Erlebnisse und Erfahrungen wiederum gilt zuerst „anything goes“. Oft gelingt es dem, der nicht weiß oder glaubt dass es nicht geht dann zuletzt auch der Beweis, dass man Dinge, die nur in der Phantasie möglich erschienen tatsächlich auch draußen, in der physikalischen Welt hinbekommen kann. Etwa als Mensch zu fliegen.

Vor allem aber ist die Innenwelt das im Zeitalter der „objektiven Wissenschaften“ das aus meine Sicht vernachlässigte eigentliche Spielfeld, denn was wir in uns erfahren hat am Ende die größte Bedeutung für uns.

Mein Ansatz ist deshalb prinzipiell sehr einfach. Ich bin skeptisch, wenn jemand etwas mit Gewissheit verkündet. Ich bilde mir meine eigenen Hypothesen, schreibe sie auf und teste sie. Denn aus irgendeinem Grund habe ich schon immer Autoritäten angezweifelt. Oder ich hatte einfach mehr Lust, dem eigenen Weg zu folgen. Und ich habe immer dem „naiven“ Glauben gestärkt, dass ich die Dinge verstehen kann. Und dass etwas, was ich nicht verstehe, nicht unbedingt zu komplex sein muss, sondern vielleicht auch einfach schlecht erklärt oder falsch.

Vor allem aber, so scheint es mir, gibt es für die wesentlichen Dinge im Leben, die Entscheidungen und Handlungen des Alltag keine gültige Anleitung. Das ist das Erstaunliche. Die Wissenschaft hält sich dort erstaunlich zurück. Ja, vor allem ist das ganze Innenleben ist am Ende noch praktisch unerforscht. Es wird darüber viel geschrieben. Aber das sind dann wieder Einzelmeinungen und Behauptungen.

Betrachten wir nur einen einzigen Tag: Was geht in uns vor, in diesem 3-D-Film von 24 Stunden Laufzeit, mit all seinen Szenen, mit seiner grandiosen Multimedia-Show an gleichzeitig ablaufenden Kanälen: Bilder, Töne, Gerüche, Empfindungen von außen und Innen, Gefühle, Gedanken, Handlungen? Was steuern wir selbst, was wird von uns unbewusst erzeugt, welche Eindrücke nehmen wir wahr, welche Information dringt zu unserem Bewusstsein vor?

Für mich ist deshalb klar: Wir stehen noch ganz am Anfang. Das ist ungeheuer faszinierend. Denn es bedeutet, wir werden sowohl über uns in der Welt noch so viel Neues lernen, als auch über die Welt in uns.

Zugleich ist mir klar: Es gibt bereits ungeheuer viel Wissen. Es gab und gibt großartige Menschen, die wertvolle Beiträge geleistet haben. Aber es muss vielleicht zusammengesetzt werden. Hier begrenzt uns oft die traditionelle Logik des „entweder-oder“, des „richtig oder falsch“. Aus meiner Erfahrung passt oft der Widerspruch gut zusammen. Das heißt aber nicht, dass es alles nur Perspektiven sind und es keine Wahrheiten gibt. Es gibt besser und schlechter passend, weiter entwickelt und „primitiv“.

Doch für den Alltag, für das tägliche Handeln fehlt oft noch die Gebrauchsanleitung. Jeder probiert so für sich herum. Nicht immer kommt dabei das Richtige heraus. Aber wir werden besser, Stück für Stück. Davon bin ich überzeugt.

Vor allem, so glaube ich, wird es ein Gemeinschaftswerk. Wie Wikipedia zeigt, können Menschen gemeinsam an einem Wissenswerk arbeiten. Vielleicht brauchen wir ein ähnliches Gemeinschaftsprojekt, um herauszubekommen wie wir am besten funktionieren. Auf eine Art und Weise passiert ja genau das schon. Die erstaunlichen Fortschritte der letzten Jahrzehnte, von denen leider im Alltag so wenig gesprochen wird zeigen ja, dass die Menschen immer mehr wissen was ihnen guttut und was nicht.

Auch wenn es nicht so aussieht, ist ja der objektiv weltweit konstante Rückgang der Gewalt vielleicht einer der bereits erkannten zentralen Erkenntnisse – Gewalt sollte vermieden werden. Und Rache ist keine optimale Option. Und unsere ständig wachsende Lebenserwartung zeigt, dass wir wissen was uns guttut, zumeist.

Eine Reise um die Welt mit der Familie ist eine praktische Möglichkeit, unseren „Spielraum“ etwas besser kennenzulernen. Wie sieht die Welt aus, auf der wir leben? Was gibt es für Länder, Kulturen, Menschen? Und wie können wir sie ganz praktisch bereisen? Die vielleicht wichtigste Erkenntnis ist dabei – es geht.

Und es ist für jeden von uns auch ein Möglichkeitsraum, für eine erweiterte Reise nach Innen. Was beschäftigt uns, wenn wir die Wahl haben und es kein externen Taktgeber wie Arbeit, Schule oder Kindergarten gibt? Welches Spiel wollen wir spielen, wenn uns langweilig ist? Wohin führt uns unsere Neugierde?

Um bei meiner Lieblingshypothese zu bleiben: darüber nachdenken ist nur die halbe Sache, man muss es ausprobieren. Was es uns gebracht hat, ein Jahr um die Welt zu reisen werden wir alle auch erst im Nachhinein, wenn wir wieder daheim sind, beurteilen können.

Aber es ist jetzt schon klar, es hat für uns alle, innen wie außen neue Erfahrungen ermöglicht und den Spielraum erweitert.

Ich werde den Blog weiterführen, das habe ich längst beschlossen. Die Reise geht weiter, innen wie außen; und „our travel space“ hat mir viel zu viel Spaß gemacht um damit zu enden, wenn wir wieder zuhause in Berlin sind.

Wir haben Peru verlassen, haben den Tag in El Alto, dem Flughafen von La Paz auf 4150 Meter verbracht und sind abends nach Cochabamba weitergeflogen. El Alto ist mit 850.000 Einwohnern auf jeden Fall die höchstgelegene (fast) Millonenstadt der Welt, im Hintergrund sieht man den Illimani mit 6462 Meter. Wir haben meinen Rucksack und eine große Tasche einfach mal so hinter der Gepäckkontrolle bei der Einreise vergessen – und zum Glück nach einem Schreck am Nachmittag dort wiedergefunden.

Jetzt sind wir in Cochabamba, einer schön gelegenen Großstadt mit 600.000 Einwohnern auf 2600 Meter Höhe in einem etwas in die Jahre gekommenen, aber sehr gemütlichen Hotel im Kolonialstil, dem Aranjuez. Zeit zur Genesung für alle.

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