Donnerstag, 28. Juni 2018, 20.07, Hotel Rustico, Eulalia-Tal

Der Aufstieg war noch ein Kinderspiel. 6.45 Uhr sind wir in San Ramon auf 600 Meter Höhe gestartet und waren schon um 11.00 Uhr auf dem Ticlio- Pass, 4818 Meter. Sogar mit Pause auf einem Kinderspielplatz. Ich bin einmal herum gejoggt, war dann aber recht schlapp.

Viele Laster waren beim Aufstieg zu überholen, aber nicht so wahnsinnig wie die Peruaner vor der Kurve.

Dann ging es wieder herunter und nach 10 Kilometern ging nach rechts die Straße 116 ab.

Damit wollten wir über ein Nebental, das Eulaliatal zurück nach Lima fahren. Und nicht die asphaltierte Hauptstraße.

Hier muss man zugeben: Google Maps ist verführerisch. Es gaukelt einem vor, man könne einfach eine andere Route über die Anden nehmen.

Das macht aber niemand. Und es gibt gute Gründe dafür. Wir haben es im wahrsten Sinne des Worts erfahren.

Die nächsten 6 Stunden waren die anstrengendsten Fahrstunden meines Lebens. Wir haben es alle gemeinsam ausgehalten. So wurden aus den drei geplanten Stunden laut Google Maps für die 90 Kilometer über sechs.

Es gab ja auch keinen Ausweg. Hängt man erst mal in einer in die Felswand gehauenen gerade noch einspurigen zerlöcherten und bis zum Horizont weiterführenden „Straße“, nach zwei weiteren Pässen von 4900 Metern und heftigen Kopfschmerzen und Übelkeit von der Höhe, gilt nur noch Ruhe bewahren und durchhalten.

Es war landschaftlich eine grandiose Strecke. Mit schneebedeckten Gipfeln, tiefblauen Seen, vorbei an der zweithöchsten Eisenbahnstrecke der Welt. Mit einem malerischen Tal, durch den Fels gehauenen finsteren Tunneln, reißenden Flüssen und vielen vielen steilen Felswänden.

Aber ohne Vierradantrieb, genügend Bodenfreiheit und guten Nerven sollte man nicht hier fahren. Zahllose Bäche sind zu durchqueren, teils ist die Straße das Bachbett. Entsprechend ist der Zustand. Und immer schön Hupen vor jeder Kurve, denn es gibt ihn, den Gegenverkehr – immer wenn man nicht damit rechnet. Dann heißt es eine Ausweichstelle suchen. Und zwischen Felswand und Abgrund in Zentimeterabstand aneinander vorbei rangieren. Es war eine Begegnung mit dem Abgrund. Erschreckend und faszinierend zugleich.

Ich bin stolz auf Nadine und die Kinder wie sie durchgehalten haben. Dort oben waren eigentlich außer Schafen und Alpakas nur noch Bauarbeiter, die ein großes Wasserkraftwerk in die Schlucht bauen.

Aber es gibt auch oft keine Ausschilderung, und es war immer wieder die Frage ob dieser fast unpassierbare Weg tatsächlich die Straße Richtung Lima sein kann und ob wir die richtige Seite des Tals gewählt haben. Und kaum hatte man es erschöpft und glücklich ins Tal geschafft, ging es gleich wieder eine Angst einflößende Straße wieder hinauf.

Zuletzt suchten wir das Hotel. Auf Google Maps nicht zu finden. Am Ende hat Lysander es erkannt, am Pool vom oben aus dem Berg. Die Freude der Kinder und unsere Erschöpfung waren wohl ebensogroß.

Aber eins ist klar: das waren die peruanischen Anden mit dem eigenen Auto. Wir haben es überlebt und die Angst ausgehalten. Jetzt schaffen wir den Rest auch noch. Morgen erreichen wir Lima, dann geht es mit dem Flieger am Sonntag weiter nach Cuzco.

Das ist ein eher harmloser Abschnitt, die meiste Zeit hatte keiner die Nerven zu fotografieren..

Hier die Straße 116, vor Casapalca sind wir vom Ticlio kommend rechts von der Carretera Central (22) abgebogen

Hier auf dem Ticlio bei 4818 Meter

Am 2. Pass knapp unter 4900 Meter

Am Ziel der Träume angekommen!

One Reply to “Am Abgrund: Carretera 116”

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