Meine Kindheit in Peru

Ich bin am Bodensee geboren, wo mein Vater in Friedrichshafen seine ersten Berufsjahre als Gymnasiallehrer verbrachte. Fortschrittlich und alternativ, gründeten meine Eltern (meine Mutter ist Grund- und Realschullehrerin) im Dorf den ersten selbstverwalteten Kinderladen und mein Vater versuchte gemeinsam mit zwei Kollegen, den neuen Geist der 68-Jahre am Gymnasium zu verbreiten – gegen den Widerstand der konservativen Kollegen. Doch auch eine andere Alternative wurde interessant: Er bewarb sich für den Auslandschuldienst.

1973, ich war noch vier Jahre alt, mein Bruder sieben, war es dann so weit. Es gab ein Angebot als Deutschlehrer in Lima, Peru. Innerhalb von wenigen Wochen wurden die Koffer gepackt, das Reihenendhaus in Stetten bei Meersburg vermietet und mein Vater flog voraus los, denn er musste die neue Stelle am Collegio Alexander von Humboldt antreten.

Mit meinem Bruder und meiner Mutter nahmen wir den Zug nach Genua, um dort im März 1973 auf ein Schiff zu steigen. Damals gab es noch die letzten Linienschifffahrten für Fracht und Passagiere, und so nutzen wir die Chance, eine Schiffsüberfahrt zu erleben. Wir fuhren mit der MS Donizetti, einem in den 50er Jahren für die Australienstrecke gebauten Schiff.

Ich habe nur wenig Erinnerungen an die Zeit vor dem Aufbruch. Doch mit der Schifffahrt von einem Monat über den Atlantik verbinde ich viele Erinnerungen. Das tiefe Brummen der Schiffsmotoren, der Blick aus dem kleinen Bullauge hinaus auf das Meer. Die Doppelstockbetten in der kleinen Kabine, und an Deck der Swimmingpool und der „verbotene“ Bereich der ersten Klasse. Mein 5. Geburtstag an Bord, wo die Köche morgens mit Töpfen vor der Kajütentür klopften und einen Kuchen vorbeibrachten. Die Überquerung des Äquators, wo nach einem alten Brauch anscheinend willkürlich Passagiere mit Sahne beschmiert und dann in den Bordpool geworfen wurden. Und dass ich bei der Sicherheitsübung mit Schwimmweste an Bord dachte, wir müssten jetzt in die Rettungsboote steigen.

Das Erste, was ich von Lima erinnere ist ein helles Weiß, alles erschien mir in strahlenderen Farben als ich sie je gesehen hatte.

Ich kam in den Kindergarten der deutschen Schule im Lima, wo auch mein Vater arbeitete.

Das Leben in den 70er Jahren in Peru war anders als in Deutschland. Wir hatten eine Schuluniform an, morgens versammelte man sich auf dem Schulhof um die peruanische Nationalhymne zu singen. Unser Haus war eines von drei Häusern in der Straße, der Rest bestand aus Wüstensand, halbfertigen Baustellen in denen unter Strohmatten bettelarme Familien aus den Bergen lebten, mit streunenden Hunde die nachts ewig bellten. Zugleich, hinter den Mauern um unser geräumiges Haus war es ein grünes Idyll mit Bananenstauden im Garten, mit Isabel, unserer „Muchacha“, dem Hausmädchen die auf dem Dach wohnte und die ich sehr mochte. Von dort auf dem Dach sah man, das Lima von Wüste umgeben ist.

Für mich war es normal, dass wir viel Spielzeug hatten, das draußen fehlte, und das niemand einen orangen Westfalia T2 VW Bus hatte – in Peru gab es nur den klapprigen Typ 1 mit Brezelfenster, der mich morgens zur Schule abholte.

Und wir waren weit weg von daheim. Der Flug nach Deutschland war sehr teuer, nur alle zwei Jahre gab es einen bezahlten „Heimaturlaub“. Pakete aus Deutschland blieben für immer im Zoll, ein Telefon zu beantragen dauerte Jahre. Peru war eine sozialistisch angehauchte Militärdiktatur, die Verbindung nach Europa war der heulende Langwellen-Radio-Empfang der deutschen Welle und das Nachrichtenmagazin Spiegel, der im Lehrerkollegium wie eine Kostbarkeit herumgereicht wurde. Wenn wir ihn für ein paar Tage hatten, waren auch mein Bruder und ich gespannt darauf, ihn endlich in der Hand halten zu können.

Über die Jahre lernte ich spanisch, fand Freunde und verbrachte viel Zeit im „Deutschen Club“ am Swimmingpool. Und dann gab es die Schulferien. Mein Vater wollte Peru und dann Südamerika entdecken, und so waren wir mit dem Bus viel unterwegs. Von Lima heraus gibt es nur drei Wege: die Panamerikana nach Norden und Süden, beide führen tausende von Kilometer durch die Wüste. Und nach Osten in die Berge – und dafür muss man über einen Pass von 4850 Meter, den Ticlio. Über die Jahre fuhren wir immer weitere Strecken. In den Urwald nach Pucallpa, in viele Andentäler und Städte und in den drei Monaten Sommerferien 1974 nach Ekuador und Kolumbien und 1976 nach Chile und Argentinien. Erdbeben, durch Erdrutsche unpassierbare Straßen, Flussdurchquerungen, Stromausfälle und die ewige Weite der Atacama-Wüste gehörten genauso zu unserem Alltag wie Nächte auf 4000 Meter Höhe im VW-Bus und die Übelkeit, die mir die Pass-Serpentinen über den Ticlio immer bereiteten.

Aber natürlich – es war in vielem ein großes Abenteuer, dass ich auch immer so wahrgenommen habe. Ich fand es spannend an neuen Orten abends anzukommen und die Gegend zu erkunden, Flüsse zu erleben in denen Piranas lebten und so viel von der Welt zu sehen.

Und dann gab es auch den Heimaturlaub. Zweimal flogen wir nach Deutschland zurück, trafen unsere Familie, und besuchten dabei auch noch Mexico, Guatemala und Jamaika als Zwischenstopp. Das Flugzeug war ein selbstverständliches Verkehrsmittel für mich als Kind, und ich habe es immer geliebt.

So eine Kindheit war Chance und Herausforderung zugleich. Ich habe es als eine große Chance wahrgenommen, weil ich einen weiteren Horizont bekam als üblich, ich immer zwei Sprachen, zwei Kulturen und zwei Perspektiven hatte um etwas zu betrachten. Aber natürlich war es auch eine Herausforderung. Für mich als eher zartes, sensibles Kind blieb es auch immer eine raue, fremde Welt, in der ich lebte. Und es gab die Jahre, wo ich mich fragte wo meine Heimat eigentlich ist, und ich mich dorthin sehnte, wo ich nicht war: erst nach Deutschland, dann wieder in die Ferne.

1978 kehrten wir nach Deutschland zurück, und zogen nach Ulm. Es dauerte, bis ich in Deutschland ankam. Und eines blieb bis heute: Die Reiselust und die globale Perspektive. Ich komme aus Europa, bin aber gerne in der Welt unterwegs. Seit ich 16 bin, habe ich jede Chance genutzt in die Ferne zu reisen. Mit 19 wieder durch Peru bis Argentinien. Und vor allem bin ich viel auf der Straße, Überland gereist – wie ich es mit meinen Eltern kennengelernt hatte. Von Berlin über Kamerun nach Kenia, nach Indien, von San Francisco nach Mexico und von dort bis Venezuela. Und ich war mehr als ein Dutzend Mal in Indien.

Aber ich habe nie daran gedacht außer im Urlaub oder für Praktika in einem anderen Land länger zu leben oder gar auszuwandern.

Seit ich in Berlin das erste Mal länger war wusste ich: Hier bin ich zuhause, hier werde ich bleiben. Das ist vielleicht der größte Vorteil meiner Kindheit: Ich weiß zu schätzen, was ich dort habe, und dass dies nicht selbstverständlich ist. Und zugleich fühle ich mich auf eine Art auf der ganzen Welt zu Hause – at home in the universe.

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