Im Katastrophengebiet: Die Erde bebt, die Lava fließt

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Freitag, 4. Mai 2018, 18.25, Pele´s Breath, Pahoa, Big Island, Hawaii

Es ist eine seltene Erfahrung, mitten in einem Naturphänomen zu befinden. Wir sind ja zur „Big Island“ auch genau deswegen gekommen, um einen Vulkan zu erleben. Aber was jetzt geschieht übertrifft doch alle Erwartungen. Zugleich sind Berichte im Internet und Fernsehen immer darauf fokussiert, die dramatischsten Bilder zu wiederholen. Und damit zu übertreiben.

Fakt ist: Wir hatten ein erstaunlich gutes Timing, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Fuhren wir doch am Tag nach unserer Ankunft zur Lava Viewing Area, um die Mondlandschaft des letzten Ausbruchs und Lavaflusses zu sehen. Am nächsten Tag bereits war dieses Gebiet gesperrt. An diesem Tag waren wir oben am Vulkankrater des Kilauea, beim Aussichtspunkt am Jaggar Museum. Es war unüblich gute Sicht, und wir sahen einen sehr aktiven Vulkan mit bloßen Augen. Gestern wurde der ganze National Vulcano Park gesperrt.

Zwei Tage später fuhren wir an den Schwarzsand-Strand hier am östlichen Rand der Insel, ein „Geheimtip“ der Locals. Es war ein herrlicher Tag mit Sonne, selten hier. Kurz vor Sonnenuntergang dort Begann der Ausbruch in der Leilani Estate Subdivision in Pahoa, direkt nördlich von uns. Das war gestern Abend. Ich denke: Das ist doch direkt bei uns! Tatsächlich, es ist weniger als 4 km weg. Auf der Karte sieht man mit dem Stern markiert unser Haus, an den drei roten Punkten tritt die Lava aus.

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Wir sahen im Internet Bilder von einer Drohne aus aufgenommen, die zeigen wie die Straße auf einem Abschnitt von mehreren hundert Meter aufgerissen ist und Lava austritt. Es sieht dramatisch aus.

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Die Nacht rüttelte es weiter heftig. Insgesamt gab es über 500 Erdbeben in den letzten 24 Stunden, derzeit ist dies der geologisch aktivste Ort gerade auf der Welt. Eigentlich wackelt es alle paar Minuten. Dies ist wirklich merkwürdig, das habe ich auch noch nicht erlebt. Ich kenne ja Erdbeben aus meiner Kindheit in Peru. Aber so viele hintereinander dann doch nicht. Wir sind ziemlich genau in der Mitte all dieser Bubbles rechts unten. Rot sind die Erdbeben der letzten 2 Stunden.

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Morgens fahren wir dann nach Pahoa, um Essen einzukaufen und Pizza essen zu gehen, wie es den Kindern versprochen wurde. Wir fahren dabei an dem gesperrten Gebiet vorbei. Man sieht schwere Laster des Militärs, Straßensperren und die Pickups mit Sachen darauf, die Leute verlassen das Gebiet. Hubschrauber kreisen über uns. Man hört Sirenen.

Am Straßenrand stehen zwei Kinder mit einem Hund und halten den Daumen hoch. Wir nehmen sie mit, sie erzählen dass sie heute nicht in die Schule gegangen sind. Gestern sei ständig im Unterricht der Boden gewackelt und keine hätte sich mehr konzentrieren können. Jetzt würden sie sich Sorgen um den Hund machen, weil vor Schwefeldioxid gewarnt wird, das aus der Erde austritt.

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Pahoa ist ein süßer Ort mit alternativem Lifestyle. Der größte Markt ist ein Biomarkt, es gibt viele bärtige, Dreadlocks, Shops mit Kristallen, Batiktüchern und guten Vibes. Es gefällt uns dort sofort. Aber alle reden natürlich über den Vulkan. Die Besitzerin des Thai-Restaurants erzählt, dass sie in Leilani Estates wohnt und die Nacht in ihrem Restaurant verbracht hat.

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Wir gehen in die Pizzeria, sehr lecker dort. Als die große Margarita auf dem Tisch steht, wackelt der Boden so heftig, dass draußen die Autos vor der Tür hin und herschwingen und ich vorschlage, vor die Tür zu gehen. Es fühlt sich an wie auf einer schwingenden Platte zu stehen, die Strommasten wackeln, der ganze Boden schwingt hin und her. Ich schätze sofort, das ist mehr als Stärke 6.  Das war 12.31. Wir hören nachher: Es war Stärke 6,9, das stärkste Erdbeben in Hawaii seit 1975.

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Unser nächstes Ziel ist ein Ort mit heißen Quellen, wo wir baden gehen wollen. Dazu müssen wir einmal das Zentrum des Ausbruchs umrunden. Wir sehen viele Einsatzfahrzeuge, aber man lässt uns durchfahren. So gelangen wir bis zum Meer. Dort sieht man ein altes Lavafeld und dahinter drei Rauchsäulen am Horizont, ca. 5 km weg. Wir halten an und steigen aus. Im Radio hören wir die Durchsage, dass Leilani evakuiert wird und zugleich, dass vom Erdbeben keine Tsunami-Gefahr ausgeht.

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Das Naturbad ist leider geschlossen. Auch am schwarzen Strand 5 km weiter ist niemand. Wir nehmen zwei Tramper mit, die uns erzählen dass Felsen am Strand herabgefallen seien und dass auch ihre Häuser beschädigt seien. Sie wollen nach Pahoa, um sich mit Essen einzudecken. Einer kommt aus Florida und erzählt, er baue sich hier ein Haus um auf lange Sicht „It is a dream“ nach Hawaii ziehen zu können.

Auch hier wieder ein Glück – waren wir doch gestern am Strand und haben es so genossen. Jetzt ist es dort zu gefährlich – ein weiteres Beben könnte einen Tsunami auslösen oder Felsen herabstürzen lassen.

Wir haben jetzt das Lava-Gebiet einmal umrundet. Doch jetzt gibt es auch auf der Straße von Süden eine Straßensperre. Man will uns nicht weiter hineinfahren lassen. Wir können mit einem Hinweis auf unser Zuhause die Soldaten doch überzeugen. Wir wollen die Tramper noch bis zur Kreuzung bringen. Doch hinter unserem Haus ist eine weitere Kontrolle, es wird niemand mehr hereingelassen. Wir sind froh es noch bis zum Haus geschafft zu haben.

Jetzt gerade (20.11) wackelt es wieder heftig. Das ganze Haus schwingt hin und her.

Der nette Owner Marc empfängt uns. Es sind ein paar Vasen und Gläser herabgefallen, sonst ist alles in Ordnung. Er hat bereits die Scherben aufgekehrt. Nur in die Sauna sollen wir nicht mehr, sie riecht nach Schwefel.

Wir bekommen regelmäßig weitere Infos per Mail. Man hört Hubschrauber kreisen. Mittlerweile sind es 6 Stellen, an denen Lava austritt. Und der ganze Ort ist von Rissen durchzogen.

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Wir ruhen uns aus, kochen etwas zu essen. Später kommt Marc mit Ishika nach Hause. Sie erzählen, dass man sie nicht mehr mit dem Auto hat hereinfahren lassen, sie mussten es 1 km außerhalb stehen lassen.

Jetzt ist uns klar: Wir können jetzt auch nur noch heraus, aber nicht wieder hinein. Gemeinsam beschließen wir: Wir haben noch genug Essen für die nächsten Tage. Und in drei Tagen geht unser Flieger nach Honolulu, San Francisco weiter nach Seattle.

Die Kinder sind gut drauf und spielen eifrig Lego. Velis erzählt ausführliche Geschichten, die er sich ausdenkt und wo er die Zuhörer zu einlädt. Nadine spielt Uno mit den Kindern, während ich schreibe. Es ist ein besonderes Abenteuer.

20.19. Schon wieder wackelt es. Wir erleben ein Naturschauspiel. Die Situation ist ähnlich wie im Jahr 1955, so berichten die Experten auf der Webseite der US-Vulkanbehörde. Ungewöhnlich ist, dass die Lava nicht am Krater austritt. Denn der Kilauea ist ja seit 1953 aktiv. Aber besonders ist, dass die Lava sich einen unterirdischen Weg gesucht hat und über zwanzig Kilometer weiter aus dem Boden austritt.

In den Nachrichten kommen ausführliche Berichte:

https://www.youtube.com/watch?v=K7MsmbmrVFU&ab_channel=Star-Advertiser

https://www.youtube.com/watch?v=GNLVKhKUmMw&ab_channel=BigIslandVideoNews

Aber zugleich: Diese Insel ist genauso entstanden. Es gibt hier weniger Gefahr von Asche, vielmehr fließt hier typicherweise eine Schicht von Lava nach der anderen. Überall wo wir auf „Big Island“ waren sieht man diese riesigen Lavafelder. So geht es weiter. Es ist nur ein Haus bisher zerstört, niemand wurde verletzt. Anders als bei uns sind die Abstände zwischen den Häusern groß, es gibt vor allem viel Natur. Die ist aber so feucht, dass es nicht zu Bränden kommt. Und auch ein Erdbeben von Stärke 6.9 scheint hier keine größeren Schäden anzurichten, sieht man mal von heruntergefallenen Gläsern im Supermarkt oder in den Häusern ab. Die typischen Holzhäuser fallen nicht zusammen, wenn man sie wackelt. Es gab zwar einen Stromausfall nach dem Erbeben, der Strom kam aber schnell wieder. Und wir haben Internet, sind informiert. Können sogar per Facetime mit Eltern und Freunden daheim sprechen. Das beruhigt alle.

Und wir genießen jetzt die besondere Stimmung. Wir können nicht herausfahren man würde uns nicht zurück in Haus lassen. Aber unser Haus steht auf einem Hügel 100 Meter oberhalb des Grabens, der offensichtlich die unterirdische potenzielle Lava-Strecke ist. Dort steht ja auch die Dampfsauna im Garten. Aber auch in Leilani 4 km weg ist die Lava nur einige Meter weit geflossen. Wir fühlen uns sicher. Und bleiben die nächsten zwei Tage hier. Die Stimmung ist gut. Und werden weiter berichten.

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