Mittwoch, 10. Januar 2018, Anjuna, Goa, India

Worauf es mir ankommt

Laufen. Yoga. Schwimmen. Schreiben. Weiter am großen Plan arbeiten. Klar ist, ich bin in einer idealen Situation. Klar ist, es hängt von mir ab, was ich daraus mache. Sicher ist, wenn ich morgens Yoga oder Sport mache fühle ich mich besser, mehr in meiner Mitte. Klar ist auch, meine ganze Lebensgeschichte hängt ganz stark davon ab was ich mir zutraue und was für eine Geschichte ich mir selbst erzähle.

Es stimmt, die Herausforderungen bleiben. Ob ich hier bin oder daheim, ich muss mir erzählen woran ich glaube und es muss eine gute, spannende Geschichte sein. Je begeisterter ich von meiner Geschichte bin, um so mehr ich sie nicht nur glaube, sondern lebe, in jeder Faser spüre, umso mehr wird es zu meiner Wirklichkeit. Das ist meine Erfahrung.

Und somit sind wieder zwei Dinge wichtig. Die Geschichte so zu erzählen, so an ihr dran zu bleiben, dass sie täglich maximal spannend und aufregend bleibt. Und die Erfahrungen wirklich zu machen, die dann die Gewissheit erzeugen.

Ein Beispiel:  Ja, man kann viel über spirituelle Einsichten lesen. Aber es ist ein großer Unterschied, damit eine Erfahrung zu verknüpfen, in der diese Einsicht sich so wahr angefühlt hat, dass man sie im ganzen Körper gespürt hat.

Wie damals im Ashram von Osho in Poona, als ich im Koreagon Park zwischen den beiden Bereichen die Straße entlang lief und mir dachte: Wenn ich jeden Moment als das Optimum annehmen kann, das Nonplusultra, dann gibt es keine Differenz mehr zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Und genau das habe ich gedacht: Leibniz hat recht, ich lebe in der besten aller möglichen Welten, jeder Augenblick ist der höchste Moment. Und dann gilt auch: „Accept whatever is.“

Von da an hat mich dieser Gedanke nie wieder ganz verlassen. Er ist immer noch präsent, und er sagt mir, dass die Lehren der Meister wie von Ramana Maharshi ganz einfacher Natur sind, wenn man sie einmal verstanden hat.

Es gibt nicht zu erreichen. Es gibt nichts zu vermeiden. Es ist alles genau richtig so wie es ist. Es wird immer so bleiben. Es gibt keine Hoffnung auf einen besseren Zustand. Es gibt keine Befürchtung vor einem schlechteren Moment. All das ist nicht notwendig. Damit sind auch alle Probleme bereits gelöst. Alle Probleme sind Scheinprobleme.

Jedes Ziel ist bereits erreicht. Und damit ist eigentlich schon alles gesagt. Es geht gar nicht darum, ohne Angst zu leben. Es geht gar nicht darum, ohne Probleme, ohne körperliche oder seelische Leiden zu leben. Man kann für jeden Augenblick dankbar sein.

Und man muss nicht auf den Moment warten, der nie kommen mag an dem man frei von Angst, Leid, Krankheit etc. ist. All das sind Einbildungen, denen man hinterherrennt. Man wird nie sicher sein, nie ohne Sorgen. Aber zugleich ist man immer frei von allem. Es ist eine fixe Idee zu glauben man könne diese irdischen Probleme lösen.

Aber, und das ist der Trick dabei: Indem man das alles annimmt, verliert es seine Schwere. Ob man arm oder reich, gesund oder krank, weise oder ahnungslos, allein oder bewundert ist, ob man gewinnt oder verliert, das wird weniger bedeutend.

Wir sind alle schon erlöst, erleuchtet, befreit, wie man immer es auch bezeichnen will. Wir sind immer schon verbunden, waren nie getrennt. Und wenn man das begreift, erfühlt, versteht, dann passen auch die Worte am Ende von Faust 2: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“; alles ist nur ein Spiel. Es kommt nicht darauf an.

Wir können und dürfen mitspielen. Wir sind frei. Das ist alles sehr sehr spannend. Und es ändert sich auch nichts. Vor der Erleuchtung Holz holen und Wasser tragen. Nach der Erleuchtung Holz holen und Wasser tragen. So geht es immer weiter.

Selbst die Frage, ob man nach dem Tod weg ist, wiedergeboren wird, wieder eins mit dem Universum ist, aus dem Rad der Wiedergeburt ausscheidet, in Himmel oder Hölle landet – sind nichts als weitere irrelevante Spielfragen.

Aber, und damit ist ja auch nur ein Schritt getan. Ich bin also frei und muss mir keine Sorgen machen. Egal wann und wie. Aber was mache ich nun?

Da bin ich wieder zutiefst frei und erlaube mir, meinen Leidenschaften, meinen Einsichten und meiner Begeisterung zu folgen. Ich kann mich entscheiden. Ich glaube an Entwicklung, an Verbesserung, Wachstum.  „The universe is a university“

Ich muss nicht entsagen. Ich muss nicht verneinen.  Vielmehr ist das Spiel des Lebens eines, das auch ausgekostet werden mag. Und so fühle ich mich frei, hier so viel ich mag zu machen, zu erreichen, zu gestalten, mitzuspielen. So viel Ekstase wie ich mag zu erzeugen. So wie ich es möchte.

Natürlich immer im Rahmen des kategorischen Imperativs von Immanuel Kant:

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“.

Und dem schönen Satz von Aldous Huxley in seinem Brief an Albert Hofmann:

„Essentially that is what must be developed – the art of giving out in love and intelligence what is taken in from visions and the experience of self-transcendence and solidarity with the Universe.“

Und das Spiel geht weiter. Ich weiß, dass ich immer neue Aufgaben gestellt bekomme und mir immer neue Aufgaben aussuchen kann. Ich weiß aber auch, dass mich jede Aufgabe wieder fordern wird. Nur wenn ich gefordert bin, komme ich auch an meinen optimalen Bereich, die „zone“, den „flow“, die wieder die Ekstase erzeugt, die ich kenne und liebe.

Denke ich also an die Zeit nach unserer Heimkehr, weiß ich, dass genau die gleichen Fragen auch dann wieder gelten werden. Das Spiel geht weiter, und ich werde, wenn ich die Aufgaben die an mich gestellt werden diese annehmen. Und tun was zu tun ist.

Im Zentrum liegt eine Begeisterung. An die komme ich mit den richtigen Techniken heran, die zu mir passen. Und mit einer Wendung nach innen. Auch die ist mit Techniken und guten Texten verbunden. Und der täglichen Praxis. Es sind gute Aussichten.

2 Replies to “Worauf es mir ankommt”

  1. Lieber Leander,
    es gibt keine Zufälle und es passieren im täglichen kleine Wunder.
    Deine fundamentale Darlegung deiner Lebendmaxime erreicht mich in einer Einkehrwoche unter der Leitung von 2 Pastorinnen auf Langeoog zu Beginn diesen Jahres.
    In den Sätzen deines Credos finde ich wortwörtliche Entsprechungen von Gedanken,die mich gerade bewegen.
    Und ich komme zu der Einsicht, daß du dich in der Mitte deines Lebens ( du wirst bestimmt 100 Jahre alt!!) mehr mit den Fragen des Täglichen auseinander setzt, während ich auch aufgrund meines Alters anfange, an den Tod und über meine Vergänglichkeit nachzudenken.

    So sind wir also auch spirituell miteinander verbunden,was mein Herz mit Freude und Dankbarkeit erfüllt.
    Almut

    Gefällt mir

  2. Hi Leander

    Danke fürs Darlegen deiner Gedanken und Erfahrungen. Ich befinde mich derzeit auf einer ähnlichen Reise der Erkenntnis und kann‘s kaum erwarten, mich mit dir/euch darüber auszutauschen, wenn ihr in ein paar Tagen schon in Melbourne seid! 🙂

    Gute Weiterreise, ihr Lieben, und wir freuen uns auf euch!

    Inci

    Gefällt 1 Person

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