IMG_9026.JPGFreitag, 17. November 2017, 21.16 Uhr, Blaues Haus bei Michael de Souza, Anjuna,  Goa, India

Es fällt mir schwer die Ankunft in Indien sachlich zu beschreiben – zu sehr liebe ich dieses Land und ganz besonders die spielerische Variante des bunten indischen Chaos,  das Goa bietet. Ich finde das neue Terminal 2 in Mumbai sehr elegant mit seinen weißen Säulen und den Wandelementen, die über Stockwerke hinweg Indien und seine Kultur künstlerisch darstellen. Wir stellen uns an der Schlange für Frauen und Kleinkinder an, das vermeidet die große, stundenlange Immigration-Warterei.

Man lässt uns auch vor, weil wir nur gute 3 Stunden zum Umsteigen haben. Das mag großzügig klingen, ist aber in Mumbai fast unmöglich zu schaffen. Es mag an dieser Liebe für Stempel liegen, die in verschiedenen Farben mehrfach an jeder neuen Kontrolle auf alles was man bei sich hat aufgedruckt werden müssen, auf Bordkarten, Flugtickets, das Einreiseformular, den Reisepass, und dann mindestens noch zwei Mal wieder von jemand neuem kontrolliert werden müssen.

Aber es erscheint alles wie eine Inszenierung, um ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit zu erzeugen, in einem Land in dem doch vieles recht chaotisch organisiert wird. Weil wir uns an jeder Schlange freundlich nach ganz vorne vordrängeln, gelingt es, aber wir rennen. Und schaffen es nassgeschwitzt mit überdreht-übermüdeten Kindern nach der Landung 2.15 Uhr um 5.30 Uhr nach Goa abzuheben.

Wir landen im Nebel, es ist feuchtheiß, die Sonne versteckt sich noch. Wir brauchen zwei Taxis, Non-AC, hinter dem Flughafen ist die einzige Ampel in Goa, wie es immer hieß, verschwunden. Die Taxifahrer fahren neue alte Schleichwege an Fluss vorbei, entlang an den improvisierten Schiffswerften, wo die verrostete Eisenerzfrachter auf Land wieder auf Vordermann gebracht werden. Ich lese in der Zeitung, dass die Eisenerzminen flussaufwärts nach dem Monsun ihren Arbeit noch nicht wieder aufgenommen haben. Der Weltmarktpreis von 60 US-Dollar pro Tonne macht den Abbau derzeit nicht lohnend.

Der Verkehr hat zugenommen, der Driver überholt wie immer auch wenn bergauf ein Laster entgegenkommt und vertraut darauf, dass alle rechtzeitig noch ausweichen werden. Sie tun es immer.

Wir kommen nach einer Stunde Fahrt an, am Donnerstag, ein Tag nach dem Fleemarket in Anjuna.

Die Buden stehen leer am großen Feld die Straße entlang aufgereiht, und sofort sind wir von Frauen umringt, die ich alle schon lange kenne. Sie arbeiten als Trägerinnen und lassen sich unsere 25kg-Taschen auf den Kopf heben, eine weiter noch unter dem Arm.

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Es geht den Trampelfad durchs „Gemüse“, wie Nadine immer sagt, zickzack zwischen den Kokospalmen, vorbei an Gestrüpp und dem halbverbrannten Müllbergen von gestern, unter zu tief hängenden Stromkabel vorbei an Toilettenhäuschen bis zu Carmin und Michaels altem Haus. Daneben steht es, frisch gestrichen, das blaue Haus von Michaels Sohn Max. Der fährt zur See, als Barmann auf einem Kreuzfahrtschiff und so können wir es nutzen, wenn er nicht da ist.

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Ich kam 1995 nach der echten „Morgenlandfahrt“ über Land das erste Mal in Goa an,  nach drei Monaten Bus und Zug durch Europa, Türkei, Iran, Pakistan und Nordindien recht erschöpft, und landete ahnungslos aber mit dem richtigen Riecher in Anjuna. Dort, wo seit den 70ger Jahren der Hippie-Flohmarkt stattfindet. Und seit dem bin ich immer wieder im deutschen Winter nach Anjuna zurückgekehrt, dieses Mal ist es das 13. Mal.

Und direkt an diesem Flohmarkt, im alten Dorf von Süd-Anjuna wohnt Michael de Souza, der bei meinem ersten Kennenlernen 2002 schon fast 70 Jahre alt war. Ich suchte eine Unterkunft, und fragte mich bei den Einheimischen durch. Es war um die Weihnachtszeit, und damals räumten Michael und seine Frau Carmin immer ihr Wohnzimmer leer, um in Schlafzimmer und Küche zu ziehen und ihre gute Stube an Reisende zu vermieten.

Diese klassischen Häuser im Goa-Stil haben Wände aus den roten Steinen der Gegend, eine große überdachte Veranda und ein ziegelgedecktes Dach – immer dort von Wellblech ausgebessert, wo zu Kokosnüsse zu oft von den Palmen fallen.

Seitdem sind wir immer dort zuhause gewesen, viele Jahre in ihrem kleinen urigen Gästehaus und seit  unsere Familie gewachsen ist immer wieder im modernen blauen Haus. Über die Jahre ist eine Freundschaft entstanden, und so kennen die beiden Nadine und mich seit unserem ersten langen Aufenthalt 2005/06 auf unserer Hochzeitsreise damals, und dann erst mit einem, dann zwei und schließlich drei Kindern. Jetzt sehen sie das erste Mal Tara.

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Am ersten Tag sind wir noch übermüdet, die feuchte Hitze ist drückend und wir erledigen nur das Notwendigste. Michael leiht mir seinen Roller, so kann ich mit Velis die erste Runde drehen, Einkaufen fahren und wir gehen alle als es kühler geworden ist den kurzen Fußweg zum Strand vor.

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Die Obstverkäuferin ist wie immer da, freut sich uns wiederzusehen und wir bestellen gleich Maracujas für morgen vor und trinken Kokosnüsse. Essen bei Curlies Momos und den ersten Kingfisher butter garlic zu Abend, genießen alle das nach Südafrika erstaunlich warme Wasser des indischen Ozeans und feiern den ersten Sonnenuntergang mit einer Pina Colada.

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Das ganze Abendprogramm mit Waschen und bettfertig machen gibt es dann traditionell bei Kerzenlicht;  Stromausfall. Ein Klassiker in Indien, aber kein Problem, ich habe geschaut wo die Kerzen liegen als wir ankamen, es ist sehr gemütlich; nur auch sehr heiß. Die Nacht schlafen die Kinder noch etwas unruhig als der Ventilator wieder dreht. Nach der Reisenacht schlafen aber alle lang und wachen erfrischt wieder auf.

Heute wird es dann ernst. Ich nehme die großen Jungs auf den Roller mit. Erst noch frühstücken im legendären Mango Shade bei Avocado Mushroom Toast, Fruit Porridge und Strawberry Shake. Doch dann geht es auf zur Schule, zur Yellow School. Karl, der Schulleiter begrüßt uns freudig mit drei Tage-Bart, in Stiefeln, kurzer Armee-Hose und einem farbverschmierten T-Shirt. Er streicht gerade die Schule neu, um nach dem Monsoon für die jetzt startende Saison alles frisch in gelb, orange und hellgrün zu tünchen.

Wir bekommen eine Schulführung, eine kurze Erläuterung über die Fächer und Ablauf und dass es ihm darauf ankommt dass es den Kindern Freude bereitet, in diese bunte Schule zu gehen. Schließlich sind es Kinder aus aller Welt, deren Eltern mal kurz, mal länger hier in Goa sind, und Englisch ist für viele eine Fremdsprache. Also wird es langsam losgehen, mit viel Sport, Theater, aber auch mit den englischen Lehrbüchern für Mathe, Naturwissenschaften und Englisch. Immer von 9.00 Uhr bis 15.30 Uhr. Und gegenüber auch sehr schön die Pre-School, dort werden Tara und Morpheus hingehen.

 

Danach finden wir noch die Maracujas für Velis, ich fahre mit Lysander und Morpheus zum Nachbarort Vagator zum Hilltop, dieses Wochenende ist dort das Enfield Festival, drei Tage lang. Deshalb sind tausende von Indern mit ihren Motorrädern angereist, und es ist laut und wild dort oben. Ich beschließe, ich werde mir auch wieder eine Enfield ausleihen. Es macht einfach zu viel Spaß mit diesem Uralt-Motorrad, einem indischen Nachbau eines englischen Nachkriegsmotorads zu fahren.

An der klassischen Straßenkreuzung in Anjuna finde ich jemand, der mir eine organisieren will. Über Nacht wird er noch einen zweiten Sattel montieren, morgen um 10.00 treffen wir uns am Flohmarkt. Und dann steht es auch tatsächlich vor der Tür:

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An der Tankstelle gibt es kein Benzin, also füllen wir den Tank traditionell am Straßenrand auf.

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Dann wird auch meine neue indische Telefonkarte aktiviert, beim Laden neben dem Postamt. Wie immer kreativ-chaotisch und dabei super freundlich;  echt indisch eben. Passfotos, Visakopien, ungefähr 25 Unterschriften, man braucht eine indische Kontaktnummer die dann in den nächsten Stunden angerufen wird und die eigene Existenz bestätigen muss; Michael ist schon vorbereitet.

Ich nehme das größte verfügbare Paket von Vodafone mit 1 GB Datenvolumen pro Tag für 84 Tage für 999 Rupien. Und der Euro steht bei 75 Rupien. Weniger als 5 Euro pro Monat für fast 30 GB Daten. Aus der Sicht des digitalen Nomaden schon einmal unschlagbar.

Nadine hat auch einen gelben Roller bekommen und so treffen wir uns mit allen Kindern beim Mango Shade noch einmal. Unser Großfamilie wird freudig begrüßt. Danach geht es zum Strand, die Kinder sind nicht mehr aus dem Wasser herauszubekommen, nur die leckeren Momos und der Fisch locken sie heraus. Lysander und ich helfen mit, als die Fischer ihr Fischerboot mit dem frischen Fang an Land ziehen.

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Es ist viel los, nach Sonnenuntergang sind die Verkäufer mit den Blinkelichter für unsere Kinder ein magischer Anziehungspunkt, und sie kaufen sich Fidget-Spinner mit drei-Farben LED und sammeln in der nächtlichen Brandung Leuchtstäbe ein, die ein euphorischer Inder gleich dutzendweise ins Meer geworfen hat. Am Ende sind unsere Kinder auch in der Dunkelheit am Strand gut zu sehen.

Man merkt, die Saison beginnt. Und wir freuen uns auf die kommenden Wochen und Monate hier.

 

Samstag, 18. November 2017, 15.43 Uhr, 

Velis hat Geburtstag! 9 Jahre ist er heute geworden, richtig groß schon. Wir freuen uns alle mit ihm.  Begeistert ist er über die kleinen und großen Geschenke.

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Velis kennt ja Indien praktisch genau so lange wie er auf der Welt ist, er war damals 2008 das erste Mal nach Weihnachten hier hergekommen, hier ins blaue Haus, mit nur 6 Wochen und gleich für 3 Monate.  Er hat noch nie Antibiotika bekommen und ist praktisch nie krank. Ich vermute immer, sein Immunsystem hat ein paar Trainingseinheiten mehr abbekommen hier. Heute werden wir mit ihm den Tag feiern!

Und so geht es gleich los an den Strand.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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