Ongwediva, 4. Oktober 2017, 19.11 Uhr

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Der Norden Namibias ist anders. Die heutige Regierungspartei SWAPO, die South West African People Organization, operierte in den Jahren des bewaffneten Kampfs bis zur Unabhängigkeit von Südafrika von Angola aus. Nachdem die UN der SWAPO Anfang der 90er Jahre den Alleinvertretungsanspruch für Namibia zuteilte, wurde sie und blieb durch Wahlen bestätigt die Regierungspartei.

Hier in Ongwediva ist man geografisch praktisch in Angola, nur dass nördlich des willkürlich gezogenen Grenzstreifens viel weniger Menschen leben. Oshakati war Stützpunkt des südafrikanischen Militärs und wurden nach dem Sieg der SWAPO so zu einem der natürlichen Stützpunkte der neuen Regierung.

Zugleich blieben die in der Zeit der Apartheid in Südafrika auch in Namibia praktizierte Aufteilung des Landes in Gebiete der Weißen (etwa Windhoek bis zum Etosha-Park) und das Land der Schwarzen ( etwa nördlich des Etosha-Parks). Kein Wunder, dass das Namibia, welches wir bisher sahen (und wo die meisten Touristen unterwegs sind) erstaunlich europäisch, aufgeräumt, modern aussieht. Es sind ja die Gegenden, in denen die Weißen ihre Farmen haben.

Hier im Norden sieht es komplett anders aus. Eben wie in Schwarzafrika – allerdings auch hier einer moderneren und entwickelteren Variante. Es fehlen die typischen Zäune entlang der Straße, es sind viel mehr Menschen zu sehen und die Farmen sind häufig an Wellblechhütten zu erkennen.

In der Zeit der Apartheid durften Schwarze nur Krankenschwester oder Lehrer als Ausbildungsberufe lernen. Heute sind hier zwei Hochschulen, ein Neubau der UNAM mit Hauptsitz in Windhoek wurde gerade fertiggestellt. Dort lehrt mein Schulfreund Freund Rolf als Bauingenieur Städteplanung für angehende afrikanische Ingenieure, viele aus den Nachbarländern.

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So hatten wir das Glück, zwei Tage lang eine persönliche Exkursion durch Ongwediva und das benachbarte Oshakati zu bekommen. Sehr faszinierend, wir und die Kinder haben enorm viel gelernt. Interessant auch einfach viel von einem Experten für Wasser und Entwicklung zu hören, der schon auf praktisch allen Kontinenten gearbeitet hat. Seit drei Jahren arbeitet er in Namibia. Über unser Reiseziel Bangladesh hatte er sogar einen Dokumentarfilm gedreht, den wir gemeinsam anschauen konnten.

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Der Boden ist salzig hier, die hohe Verdunstung lässt ihn  für Ackerbau ungeeignet werden. Ziegen und Kühe essen das Gras, auf den Märkten gibt es viele Zwiebeln, Tomaten und das örtliche Hauptnahrungsmittel Mahangu,  aus dem eine Art Hirsebrei bereitet wird.

Man sieht überall die Entwicklung. Im Rahmen von 5-Jahresplänen werden meist mit chinesischen Baufirmen hier neue Stadtteile angelegt, welche die Wellblechhütten ersetzen sollen. Wir besichtigten den neuen Zentralmarkt mit Busbahnhof, der die bisherigen Provisorien an einer Stelle zusammenführte. Dort gibt es getrocknete Würmer, Pfeil und Bögen, Töpferwaren und traditionelle Kleidung aus der Region.

Rolf kennt den Marktdirektor, so durften wir den sonst geschlossenen Aussichtsturm besteigen, der hier hoch hinausragt und ein weit sichtbares Zeichen des Fortschritts ist.

Von dort konnte man weit ins Umland blicken, und sieht die unterschiedlichen Entwicklungsstufen rundherum.

Und es muss ein Deich gebaut werden, in den zwei Monaten des Regens kommt es zu großen Überschwemmungen im Stadtgebiet. Diese Arbeit ist schon weiter fortgeschritten, wir sahen die Brücken, Dämme und Neubaugebiete.

Es gibt dort einzelne Häuser und Reihenhäuser in unterschiedlichen Preisklassen, von dem einfachen Haus mit einem Zimmer über größere Mittelklassehäuser mit Parkplatz oder Garage bis hin zu großzügigen Bungalowanlagen im Bau zu sehen.

 

Und viele Schulen und Unis sind im Bau. Das Krankenhaus und die Privatklinik zusammen mit den Aufklärungs- und Gesundheitsinitiativen haben erreicht, dass die Bevölkerung und die Lebenserwartung nach den tragischen Jahrzehnten der HIV- und Aids-Ausbreitung wieder ansteigt. War landersweit über 25% an HIV erkrankt, so konnte die Quote auf die Hälfte gesenkt werden. In vielen Gebieten hat wie hier im Norden ist aber immer noch jeder 4 bis 5. HIV-positiv.  Wie auch bei der zweiten Geißel Tuberkulose sind aber die Medikamente ein Segen und haben die Lebenserwartung der Erkrankten deutlich erhöht und die Ansteckung verringert.

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Kondome liegen in jeder öffentlichen Toilette kostenlos aus. Plakate erinnern daran, die Therapie fortzusetzen. Aber die Infektionskrankheiten bleiben eine der großen Herausforderungen. Wenn erst die meisten ihre Wellblechhütten, bei denen Trinkwasser und Toilette unheilvoll nah beieinander liegen, verlassen haben, wird auch die Kindersterblichkeit durch Durchfälle noch weiter zurückgehen.

Der Vorteil von Namibia ist, es hat viel Platz, wenig Menschen und durch Diamanten und Uran als auch dem Tiefseehafen Walvis Bay Deviseneinnahmen. Dennoch, ein ineffizienter und aufgeblähter Staatsapparat sorgt dafür, dass die Finanzsituation des Landes schwierig ist. Tourismus wächst, aber ist als Devisenquelle nicht ausreichend.

Wir machten viele Ausflüge mit Rolf und Tereza und ihrer süßen zweijährigen Tochter Karla, erkundeten die schöne Landschaft mit ihren alten Bäumen (bei den Bauarbeiten werden sie alle rücksichtslos gefällt) und konnten uns wunderbar in einem Haus bei Freunden in richtigen Betten und schönen Stunden unter dem tollen Dach im Hof erholen, wo die Kinder es genossen im kühl erfrischenden Pool zu planschen.

Die großen Jungs schliefen mutig draußen im Zelt; Nachts kündigte ein stürmischer Wind schon die kommende Regenzeit an. Herrlich, so eine wunderbare Gastfreundschaft in der Ferne zu genießen. Und die Wäsche ist endlich mal wieder richtig gewaschen.

Morgen brechen wir erholt und gestärkt von leckerem Essen (ja, selbstgebackenes Vollkornbrot!) wieder auf Richtung Kaokofeld im Westen.

One Reply to “Zu Gast in Ongwediva”

  1. Ihr Lieben! Wie schön spontan und überraschend, Dich, Leander nach rund 25 Jahren (ganz genau konnten wir unser letztes Treffen ja nicht mehr verorten) und jetzt mit Deiner lieben Familie wieder zu sehen, und hier im Ovamboland zu Besuch zu haben. Und das Allerschönste: es waren so wunderbar unaufgeregte, entspannte Tage. Für uns, und auch für die Kinder. Nur ausschlafen mussten wir danach…
    Wir wünschen Euch allen alles, alles Gute für die weitere Reise und viele schöne Erlebnisse
    Bis bald: Rolf, Tereza und Karla

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