Freitag, 29. September 2017, 9.11 Uhr, Camp Okaukeju, Etosha National Park, vor dem Wohnmobil

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Es fühlt sich heute anders an. Es war entspannt alle zusammen morgens im Wagen zu frühstücken. Ich fühle mich klar und fit. Näher dran.

Dauert es einfach einen Monat, bis ich mich umgestellt habe? Es kann sein. Liegt es daran, dass heute die Sonne nicht scheint und Wolken aufgezogen sind? Ist gut möglich, das macht so eine andere Stimmung. Tiefer und intensiver. Vielleicht liebe ich ja ein Wetter, an dem es mehr windet und die Sonne nicht scheint? Nach über vier Wochen jeden Tag Sonnenschein ist es eine Befreiung, wenn sie einem nicht gleich morgens auf den Kopf knallt.

Ich liebe auch diesen Platz. Weiße Steine, hellweiße weite Flächen, eine weite Perspektive. Ich wusste ja, mich wird es inspirieren unterwegs zu sein und neue Wege zu gehen. Es braucht aber auch eine ganze Weile, bis man sich eingespielt hat und es eben nicht nur „Alltag“ ist, mit dem man sich beschäftigt. Alles ist Produktion, sage ich immer. Ich kann auch sagen: Alles ist Romantisierung. Es kommt immer darauf an etwas Besonderes daraus zu machen. An sich sind die Dinge nicht besonders.

Heute Nacht hat ein starker Wind geweht. Auch das war herrlich zu hören. Ich liebe Wind, und der Savannenwind oder Wüstenwind ist ein besonderer Wind.

Tara kam morgens die Leiter hoch geklettert und legte sich noch zu uns. Velis spielt mit der neuen Zwille, die wir auf der Tankstelle in Otjiwarongo gekauft haben. Es war auch gut noch einmal umzudrehen um nach Outjo die 15 Kilometer zurück zu fahren. Am Ende passten dann doch noch 15 Liter in den Tank. Hier in der Einsamkeit nutzen wir jede Gelegenheit, Wasser und Diesel voll zu füllen.

Hier sind viele Touristen. Alle mit 4×4 Pickups mit Dachzelt. Ganz nette Touristen, wie die Schwaben aus dem Schwarzwald gestern, die uns erst Holz, dann ihr ganzes Essen schenkten. Eine 8-köpfige Familie. Ganz cool. Mit ihren Eltern und ihrem Onkel unterwegs, und der mit seinen drei erwachsenen Kindern. Morgen fliegen sie heim, wir haben jetzt Nahrungsmittel für die ganze nächste Woche.

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Heute machen wir Unterricht. Ich freue mich darüber. Ich gehe die Sache positiv und entspannt an. Und danach genieße ich die Freiheit und die Optionen.

Gestern das Fleisch zu grillen war wieder herrlich.

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Freitag, 29.09.2017, 13.49 Uhr, im Alkoven des Wohnwagen auf dem Etosha-Park-Camp Okaukuejo.

Nadine hat eine Auszeit bei den Tieren am Wasser. Sie hat sich etwas zum Schreiben mitgenommen und genieß die Zeit allein.

Die Kinder sind mit mir im Wohnwagen. Sie machen es gut. Super sogar. Ich komme mir bei der weißen Perspektive draußen wie auf dem Burning Man mit Kindern vor. Ich schreibe:

„It’s inside, not outside“

Läuft es optimal, gibt es die Belohnung ohne Anstrengung, stellt sich die Ordnung von selbst ein. Es gibt sie, die „order for free“. Wir sehen es in der Natur, sie schafft quasi unabsichtlich, nur durch „Zufall und Notwendigkeit“ eine Optimierung des Genmaterials. Zufällige Mutationen, die Verbesserungen und höhere Komplexität und Stabilität erzeugen. So kann „unlimited reward“ entstehen, unbegrenzte Belohnung. Die Fähigkeit, etwa einen ganzen Planeten zu besiedeln. Die Fähigkeit, sich an der Existenz zu erfreuen.

Was gibt es also zu tun? Ich sehe drei zentrale Elemente:

  1. Selbstverbesserung: Sie ermöglicht eine bessere Lösung aller Herausforderungen, Befreiung, Zeit, mehr Ressourcen und eine effizientere Nutzung
  2. Spirituelle Orientierung: Denn sie erzeugt Liebe, Anschluss, Frieden, Gelassenheit, Sicherheit und Ruhe
  3. Spiel mit Phantasie und Sprache. Denn sie erzeugen Welten der Freiheit, der Kunst, der Möglichkeiten, der Grenzenlosigkeit und bilden eine innere Heimat

So habe ich es mir vorgestellt. Vormittags mache ich Mathe und Deutsch mit den Jungs, im Schatten des Wohnmobils sitzen wir. Diktat und Rechnen. Mal ist der eine besser, mal der andere. So inspirieren und motivieren sich beide gegenseitig. Vor allem aber vertraue ich, dass die neuronale Vernetzung funktioniert, und dass in unserem Experiment etwas realisiert werden wird, wovon ich vorher nur geträumt oder geredet habe. Wir werden es sehen.

Vieles daran ist einfach eine Tendenz, langsamer zu sein. Wenn mich etwas fasziniert hat bei den Tieren gestern am Wasserloch, den Giraffen, Elefanten, Zebras, Nashörnern die ich sah, dann: dass sie sich so viel Zeit lassen. Sie gehen einen Schritt, dann stehen sie wieder. Sie gehen bis kurz vor die Wasserstelle, dann warten sie wieder. Sie versuchen nicht in Hektik sich an das Wasser zu drängen oder mit großer Geschwindigkeit das Wasser zu trinken.

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Ihre Selbstoptimierung, spirituelle Orientierung und ihr Spiel mit Phantasie und Sprache ist offensichtlich. Es ist gut, langsam, abwechslungsreich, entspannt und kreativ zu sein. Was für unterschiedliche Bewegungen der Elefant mit seinem Rüssel allein angestellt hat, und wie lange die Begegnung gedauert hat zwischen den beiden Elefanten. Es war wunderschön anzusehen. Und wie langsam aus der Dunkelheit ein weiteres Tier oder eine Herde auftaucht. Sie lassen sich Zeit. Sie haben Vertrauen. Sie sind spielerisch, nicht mechanisch.

„Unlimited reward“. Das ist vielleicht die umstrittenste Aussage. Doch an ihr hallte ich besonders fest. Es gibt einen Weg, der zum Ziel führt, und zur maximalen Ausschüttung an Glückshormonen. Manche nennen ihn Flow. Ich nenne ihn Anschluss. Er ist trainierbar. In diesem Zustand klappt nicht nur alles, sondern es reagieren auch alle um ein herum im gleichen Einklang. Es ist, wenn die Kinder zugleich die Englischstunde kreativ selbstständig in eine Beatles-Singstunde verwandeln, und Lysander einen Beatles-Text nach dem anderen singt, und Velis die kleinen animiert mit Mundharmonika mitzuspielen, im Rhythmus zu klopfen und Tara als Rocksängerin eine Performance dazu macht und wild ihre blonden Haare hin und her schmeißt und selbst Songtexte anstimmt.

Das alles, während ich mich ausruhe, meinen Kaffee mit der mitgebrachten kleinen Espressokanne koche und den Ikea-Milchschäumer dazu nutze, auch in der Etosha-Pfanne einen annährend perfekten Latte Macciato zuzubereiten. Weil ich weiß, dass mit dem Geschmack von warmer Milch und der Wirkung des Koffeins mein Geist in den optimalen leicht euphorische Betriebszustand gebracht wird, nachdem ich den 20 Minuten-Mittagsschlaf dank Schlafbrille und Ohrenstöpseln genießen konnte.

In diesem Zustand fließen die Gedanken, sie machen Sinn und sie sind leicht zu bändigen. Es ist klar, die Richtung stimmt. Und wir lernen und entwickeln uns. Die alte Weisheit aus der Psychologie von Teams, die Abfolge von „Storming, Norming, Performing“, es ist auch hier festzustellen. Nach einem Monat den ganzen Tag zusammen hat sich ein neues Gleichgewicht eingestellt. Natürlich ist noch nicht alles optimal (wann ist schon je alles optimal?), aber wir sind auf einem guten Weg dorthin.

Und viele, viele Momente sind absolut perfekt. Wie die vier Kinder immer neue Spielvarianten erfinden, bei denen die Großen mit den Kleinen ein kreatives Spiel gestalten, bei dem alle begeistert sind und wir nichts dazu tun müssen. Gerade ist beliebt, wie Velis und Lysander Taras Lieblingskinderbücher vorlesen, aber mit Variationen der bekannten Themen. Alle lachen darüber, wenn Conni aus den Pixi-Büchern zum Geburtstag nicht das lange gewünschte Fahrrad bekommt, und dann wütend aus dem Fenster springt.

Das Besondere eines besonderen Tags ist oft, dass er nicht besonders ist. Wir bleiben länger auf dem Camp als andere. Alle fragen uns mehrfach, ob wir wirklich zwei Mal auf Camp Okaukuejo übernachten wollen? In allen Reiseführern ist beschrieben, dass man hier üblicherweise einmal übernachtet und früh weiterfährt. Wir sehen, abends sind wir von den Pickup-Toyota Landcruisern mit Allradantrieb und Dachzelten umzingelt, wenn wir aufstehen ist der ganze Platz leer.

Auch die großen Safari-Laster mit den Reisegruppen sind wieder abgereist. Es bleiben die Camp-Mitarbeiter und Tiere. Velis freut sich über die Vögel, Eichhörnchen die zu ihm kommen. Und er übt mit der Zwille, von denen wir auf der letzten Tankstelle zwei von den mobilen Händlern gekauft haben. „Passt aber auf“, sagt uns selbst der Camp-Wachmann: „auf keinen Fall auf Menschen, Tiere oder Autos zielen!“ Velis ist begeistert, „so weit könnte ich nie werfen“ und zielt einen Stein nach dem anderen über den Zaun in die Savanne.

Wir machen sozusagen „Nichts“, und das gibt erst Raum dafür, dass etwas geschieht. Kein Programm, und so gestalten alle den „Raum“, den „Space“ selbst. Das ist möglich, weil wir so viel Zeit haben und weil wir weniger danach aus sind, besonders viele Dinge einer Liste abzuhaken, sondern eine gute Zeit zu haben.

Vielleicht liegt die gute Laune auch an der Menge an Rindfleisch, die wir hier auf dem Feuer gegrillt verzehren? Ich las gerade von einer aktuellen Studie mit 10.000 Teilnehmern, die aufzeigte dass Vegetarier, besonders aber Veganer eine höhere Depressionsrate aufweisen. Intuitiv kann ich mir das vorstellen. Ich finde Rindfleisch herrlich, besonders wenn es ursprünglich sehr knusprig und innen noch saftig auf dem Feuer bereitet wird. I

n einer Zeit, in der eine fleischarme Ernährung ein „Megatrend“ der Avantgarde ist, ist dies eine unpassende Einstellung. Aber hier in Nambia ist ausreichend Platz, Rinder zu ernähren und wenn und das superleckere Rumpsteak beim Spar in Outjo oder Otjivarongo weniger als 5 Euro das Kilogramm kosten, kann man hier einmal wirklich Fleisch „satt“ genießen. Ich freue mich schon auf heute Abend, dazu den südafrikanischen Rotwein.

Das „Ursprüngliche, Natürliche“ wird dann erst interessant, wenn wir es verlassen haben und dabei sind eine neue Ebene zu erreichen. Nicht umsonst beginnt das Interesse an der Schönheit der Natur, dem einfachen Leben auf dem Land erst dann, wenn dieser Zustand bereits hinter uns liegt. Die Romantik entwickelt die Fähigkeit, das „Gewöhnliche“ besonders zu betrachten.

Ich liebe ja die Aussage des sächsischen Bergwerkdirektors und Romantikers Friedrich von Hardenberg, der sich als Schriftsteller Novalis nannte:

„Die Welt romantisieren heißt, sie als Kontinuum wahrzunehmen, in dem alles mit allem zusammenhängt. Erst durch diesen poetischen Akt der Romantisierung wird die ursprüngliche Totalität der Welt als ihr eigentlicher Sinn im Kunstwerk ahnbar und mitteilbar.“

So ist es klar, dass man manche Dinge erst dann mit vollem Bewusstsein betrachten kann, wenn man lange von ihnen fort war. Es ist die „Second Nature“, die von uns geschaffene Umgebung, die uns den Blick auf die „Nature“ ermöglicht, davon bin ich überzeugt. Das hier wäre so nicht möglich ohne die Fähigkeiten, eine funktionierende Umgebung zu erschaffen die aus zahlreichen System besteht, die unabhängig voneinander funktionieren müssen.

Wir haben das in den letzten Tagen erfahren, als der Kühlschrank nicht funktionierte. Sicher, man kann sich an alles gewöhnen, aber auf die Dauer wurde es mit verschimmelnden Gemüse, keinem Fleisch, Wurst, Käse, Butter, keinen kühlen Getränken weniger angenehm. Wir freuten uns deshalb sehr, als es vor zwei Tagen endlich das versprochene Ersatzfahrzeug gab. Das hatte zwar einen Auffahrunfall, aber es sollte jetzt wieder alles repariert sein. In Otjivaronogo trafen wir uns also zum Fahrzeugtausch.

Das neue Fahrzeug war leer, das bedeutet wir mussten alles herausholen, von der Gasflasche über die Campingausstattung und unseren eigenen Sachen. Als wir fertig waren stellten wir leider fest, dass der neue „Travelstar“ (wie Nadine meinte, ein passenderer Name als „Odyssee“ des ersten), zwar einen funktionierenden Kühlschrank hatte, aber leider kein Wasser, obwohl wir den Wassertank an der Tankstelle gefüllt hatten.

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Was ist besser? Kein Wasser oder kein Kühlschrank? Wir beschlossen zu warten, ob der herbeigerufene Techniker eine Lösung findet. Der begann, Sicherungen und Bauteile aus dem alten Wagen auszubauen und in den Neuen einzubauen. Nach sechs Stunden in der Hitze auf dem Spar-Parkplatz funktionierte die Pumpe wieder. Glücklich gab ich reichlich Trinkgeld. Wir konnten losfahren. Es sind eben viele Systeme (Wasser, Strom, Gas, Kühlung, Abwasser etc.) mit denen die üblichen Lebensbedingungen für uns moderne Menschen erzeugt werden).   Dazu noch die Mobilfunkverbindung. Meistens hier nur E-Netz, deshalb versenden wir auch unregelmäßiger unsere Blog-Updates, denn ins Internet kommt man damit nicht.

Wenn dann aber alles funktioniert, und das Fahrzeug diese kleine autonome Welt in ferne Gegenden wie diese uralte Salzpfanne des Etosha-Parks tragen kann, und man schon bei der Ankunft zwischen Zebras, Springböcken und Hyänen fährt, ist das sehr schön. Und am Wasserloch kamen abends wirklich wie versprochen Tiere: Giraffen, Elefanten, Zebras, ein Nashorn. Dann waren alle Kinder müde und wir gingen erfüllt zurück zum Wohnmobil.

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